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Mathilde Möhring & Corinna Schmidt (aus Frau Jenny Treibel): Charakterisierung & Vergleich

Inhaltsverzeichnis

Folgend findest Du aus dem Werk "Frau Jenny Treibel" oder "Wo sich Herz zum Herzen find't", dem Roman von Theodor Fontanes eine Charakterisierung  von Mathilde Möhring & Corinna Schmidt vor, die schließlich als Vergleich endet, der natürlich eine tiefere Interpretation wie Analyse bedingend mit sich bringt.

1. Vorwort zum Vergleich und Interpretation der zwei Romanfiguren Corinna und Mathilde

Im Folgenden möchte ich die Aufstiegskämpfe der Frauen Corinna Schmidt und Mathilde Möhring beschreiben, die beide aus dem Kleinbürgertum stammen und davon träumen, ihre soziale Stellung zu verbessern. Die Frauen planen, sich diesen Traum mit Hilfe der von ihnen ausgewählten Heiratskandidaten zu verwirklichen. Die beiden Romane "Frau Jenny Treibel" (geschrieben Winter 1887/88 bist Oktober 1891) und "Mathilde Möhring" (entstanden 1891 und1895/96), geschrieben von Theodor Fontane, dienen mir dabei als Vorlagen zur Analyse der Beziehungen: nämlich der Corinna Schmidts zu dem Sohn eines Berliner Fabrikbesitzers Leopold Treibel, und das Verhältnis Mathilde Möhrings zu dem ebenfalls aus dem Großbürgertum stammenden Hugo Großmann.

In beiden Romanen leben die Protagonisten in Berlin, Mathilde und ihr Ehemann Hugo später in Woldenstein, einer fiktiven Kleinstadt in Westpreußen. Der Roman "Frau Jenny Treibel" ist in die zeitliche Epoche der letzten Tage des Mais bis zum 28.Juli des Jahres 1886 oder 1888 einzuordnen. Die Geschichte der "Mathilde Möhring" ereignet sich Anfang Oktober 1888 bis Oktober 1890. Die Romane habe ich nur auf die Geschehen der "Liebesgeschichten" hin analysiert und besonders in "Frau Jenny Treibel" einige Personen und deren Umstände und Handlungen ungeachtet gelassen.

2. Inhaltsgabe und Zusammenfassung

2.1 Frau Jenny Treibel oder "Wo sich Herz zum Herzen find't" (Inhaltsangabe)

Der Roman "Frau Jenny Treibel", geschrieben von Theodor Fontane, entstanden in den Jahren 1887 bis 1891, ist hier etwas verkürzt dargestellt. Bei dieser Zusammenfassung handelt es sich nur um die Handlungen von Corinna Schmidt und ihren Folgen. Schon im ersten Kapitel des Romans schwärmt Corinna im Gespräch mit Jenny Treibel von einem "Landauer und einem Garten um die Villa herum"1 und ihrem Gefallen an Gesellschaften. Jenny lädt Corinna, ihren Cousin Marcell und ihren Vater, der für solche Gesellschaften jedoch nicht viel übrig hat, zu einem Diner ein, dass zu Ehren eines Engländers im Treibelschen Haus gehalten wird. Jenny weiß, dass Corinna die englische Sprache beherrscht und einiges über die Politik und Geschichte Englands kennt.

Die Gäste und Freunde, die zu diesen Partien und Festen eingeladen werden, sind sorgfältig nach dem Gesichtspunkt ausgewählt, wie viel sie zu dem Ansehen, dem Prestige des Hauses Treibel beitragen können. Zu diesen Personen gehören zwei adlige Hofdamen, der Opernsänger Adolar Krola, der mit seinem guten Äußeren, seiner guten Stimme und seinem Vermögen dem Ansehen der Familie, solch einen Freundeskreis zu haben, natürlich beiträgt. Corinna Schmidt wird gerne geladen, da sie mit ihren geistreichen und gebildeten Konversationen zum Erfolg der Treibelschen Gesellschaften beiträgt.
Bei oben erwähntem Diner sitzt Corinna neben dem Engländer Nelson und unterhält sich mit ihm auf eine kecke Weise und stellt sich als durchaus unterhaltend dar. All dies geschieht auf eine berechnende Art Corinnas, die sich dem Sohn Leopold, der auch anwesend ist, sehr imponiert. Er unterliegt sofort ihrem Charme und Esprit. Ihrem intelligenten Cousin Marcell missfällt dieses, da er selbst Heiratspläne mit ihr anstellt und das Spiel durchschaut. Im anschließenden Gespräch der beiden jungen Leute erklärt Marcell eindeutig, dass die flotte Corinna einfach nicht zu Leopold passt. Er sei "zu unbedeutend für sie"2. Corinna selbst verleugnet ihre Absichten nicht und steht klar zu ihrem Vorhaben. "Ein Hang nach Wohlleben, der jetzt alle Welt beherrscht, hat mich auch in der Gewalt, ganz so wie alle anderen,..."3. Sie sehnt sich nach Luxus und einem Leben ohne Geldsorgen.

Sie hat das kleinbürgerliche Leben satt. Auf einer Landpartie macht Leopold dann das lang ersehnte Heiratsversprechen, ahnt aber nicht das Ausmaß der Reaktion der Mutter, die selbst einst durch Heirat den Weg in die gehobene Gesellschaft fand. Sie ist empört und entschieden gegen eine Hochzeit der beiden jungen Leute, denn Corinna verfügt nicht über viel Geld oder einen Status. Eine Professorentochter hält sie für weit unter ihrer Würde. Zunächst versucht sie sich bei ihrem Ehemann zu empören, der jedoch einer solchen Hochzeit nicht abgeneigt ist und meint, dass seine Frau überreagiere. Frau Jenny Treibel beschwert sich dann bei Herrn Willibald Schmidt und Corinna selbst, die sich gegen alle Anschuldigungen eines "überlegten Überfalles"4 vehement wehrt. Leopold jedoch will hart bleiben, schwört Corinna Liebe bis in den Tod, verspricht Wehrhaftigkeit und Unerbittlichkeit gegenüber seiner Mutter - doch den Worten folgen keine Taten, und das sieht schließlich auch Corinna ein. So kommt es, dass sie doch den ihr schon lang versprochenen Marcell heiratet und Leopold die hochnäsige Schwägerin aus Hamburg.

2.2 Mathilde Möhring (Inhaltsangabe)

Der von Theodor Fontane in den Jahren 1891 und 1895/96 geschriebene Roman "Mathilde Möhring" erzählt von der jungen, intelligenten, zielstrebigen, dabei wenig anziehenden Mathilde Möhring, die mit ihrer Mutter in einer Berliner Wohnung lebt. Von all ihren Nachbarn wird sie wegen ihrer Höflichkeit und Umsicht bewundert und anerkannt. Da Mutter und Tochter aufgrund des Todes des Vaters von Mathilde alleine leben und nicht viel Geld haben, vermieten sie eines ihrer Zimmer. Ein Mieter findet sich in Hugo Großmann, einem Studenten kurz vor dem Examen, der jedoch lieber Unterhaltungsliteratur als juristische Werke liest und abendliche Theaterbesuche dem Besuch der Universität vorzieht. Mathilde sieht in ihm eine Chance für sich, aus den ärmlichen Verhältnissen und dem mütterlichen Haus herauszukommen, sieht aber auch ein, dass dies eine schwierige Aufgabe im Hinblick auf seine Faulheit und Unentschlossenheit sein wird. Darum legt sie sich einen Plan zurecht, mit dem sie einen guten Eindruck bei Hugo Großmann machen kann. Der beachtet sie zunächst aber gar nicht und widmet sich lieber seiner Theaterleidenschaft und seinem Freund, einem Schauspieler. Nach einer längeren Krankheit und der damit verbundenen guten Fürsorge Mathildes kommt er zu dem Schluss, "dass Thilde die Frau sei, die für ihn passe"5. Er hat gemerkt, dass sie ein gutes Gegenstück zu ihm bildet und er sich mit ihr ergänzt. Sie ist sehr fleißig und ehrgeizig. Er eher faul und unentschlossen. Ihm ist aber auch klar, dass sie ihn nicht weiterhin faulenzen lassen wird.

Und er hat sich nicht getäuscht. Denn sobald sie seiner in Form einer offiziellen Verlobung sicher ist, lässt sie ihn nicht länger ausruhen, sondern sorgt eigenhändig dafür, dass er tüchtig und regelmäßig für sein Examen lernt und dieses schließlich auch besteht. Glücklich ist Hugo dabei nicht ganz, ist ihr aber auch dankbar, dass sie ihn so weit gebracht hat. Nachdem er das Examen in der Tasche hat, setzt Mathilde sich nicht zur Ruhe, sondern durchforscht so lange die Zeitungen, bis sie auf eine Annonce stößt, in der nach einem neuen Bürgermeister für die Kleinstadt Woldenstein gesucht wird. Mathilde sorgt dafür, dass ihr Verlobter diese Chance ergreift und den Posten bekommt. Nachdem das alles geregelt ist, steht der Vermählung nichts mehr im Wege. Die aus armen und kleinen Verhältnissen stammende Mathilde Möhring hat sich zur Bürgermeisterfrau gemacht. Und sie macht sich weiterhin gut. Denn immer noch ist Hugo auf ihren Anstoß angewiesen und sie sorgt im Hintergrund dafür, dass er sich in seiner neuen Arbeitsstelle zurecht findet, gibt ihm Denkanstöße und macht Vorschläge für neue Unternehmungen in der Stadt. Auch sichert sie ihm das Wohlwollen der Vorgesetzten in der Gegend und macht das junge Ehepaar zu allseits beliebten Leuten in der Stadt. Doch der Erfolg hält nicht lange an, denn Hugo zieht sich eine schlimme Lungenentzündung zu, die schließlich zu einer Schwindsucht führt und letztlich zum Tod. So sieht Mathilde sich wieder in ihre alten Lebensumstände zurückgeworfen, zwar mit Witwenrente, aber doch nicht sehr viel besser als vor der Heirat mit Hugo Großmann. Doch sie findet sich schnell wieder zurecht und entschließt sich, nun selbst Lehrerin zu werden. Mathilde sieht aber ein, dass sie nicht gegen Hugos Naturell hätte ankämpfen sollen. Sie lernt für ihr Examen und besteht es mit weitaus größerem Erfolg als Hugo damals das seinige.

3. Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Charakteren der Frauenfiguren Corinna Schmidt und Mathilde Möhring

Folgend eine kleine aufgelistete Interpretation und Analyse der Personen aus den Romane, also eine Art Charakterisierung.

3.1 Kurzcharakterisierungen

3.1.1 Corinna Schmidt

Corinna Schmidt ist die 25-jährige Tochter des Doktors Willibald Schmidt, einem Professor und Oberlehrer am Gymnasium zum Heiligen Geist in Berlin. Sie ist "wuschelhaarig"6 und attraktiv. Sie trägt moderne Kleidung und legt sehr viel Wert auf ihr Äußerliches, herauszulesen in der Rede ihres Cousins Marcell, der in Corinna verliebt ist, und um sie als zukünftige Ehefrau wirbt, zu Corinnas Vater: "ich sah zu meinem Schmerz wie veräußerlicht sie ist und wie die verdammte neue Zeit sie in Banden hält."7 Das Bildungsbürgertum, in dem Corinna aufwächst, hält nicht viel von materiellen Dingen. Die Professorentochter sehnt sich jedoch danach. Ein Mann könnte ihr dieses ermöglichen. Die junge Frau, die ohne ihre Mutter aufwuchs, ist intelligent, unbefangen und klug. Die Haushälterin der Schmidts war ihr jedoch zeitlebens ein Mutterersatz. Von ihrem Vater ist sie zur Unabhängigkeit und Selbständigkeit im Denken und Handeln erzogen worden. Sehr gebildet ist Corinna in Gebieten wie Englisch, Geschichte und Politik auch.

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Sie ist sehr unterhaltsam, schlagfertig, hat eine ganze Menge Charme, Esprit und Witz. Das macht sie zu einer interessanten Gesprächspartnerin, die den Männern oft überlegen ist. Ihr fällt es nicht ein, ihr "Licht [...] unter den Scheffel zu stellen"8, wie es die Moralvorstellungen der Zeit verlangen. "Ich habe meinen guten Verstand und bin offen und frei und übe damit eine gewisse Wirkung auf Männer aus"9, so beschreibt Corinna sich selbst im Gespräch. Doch sie will auch nicht zu emanzipiert und unnahbar sein, wirbt also noch mit weiteren Qualitäten: "... dass ich nebenher auch noch kochen, nähen und plätten kann. Ich bin ganz deutsch und ganz weiblich"10. Sie genießt die Rolle der begehrenswerten Dame sehr, zieht die anderen in ihren Bann, besonders Leopold, den Sohn des reichen Fabrikbesitzers Treibel, dem diese ganze Werbung auch gebührt und den sich Corinna als zukünftigen Ehemann ausgesucht hat. Er ist für sie der Schlüssel zu Reichtum und Glück, denn sie will zu diesem gelangen. Sie sehnt sich nach Vermögen und Wohlstand, "ein Hang nach Wohlleben, der jetzt alle Welt beherrscht, hat mich auch in der Gewalt, ganz so wie alle anderen."11 Durch ihre Werbung und Klugheit bringt sie ihn dazu sich in sie zu verlieben und ihr einen Heiratsantrag zu machen. Sie hat sich Leopold als Mann auch ausgesucht, da er dümmlich und schwach ist. Diese Konstellation bringt ihr nur Vorteile, sie kann so die Oberhand in der Familie übernehmen.

Ihr Vater macht sich nichts aus den Heiratsplänen seiner Tochter, denn er lässt seiner Tochter die Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen. Er ist sich sicher, dass sie sowieso immer die Richtigen trifft. Corinna ist sich der Hochzeit sicher, rechnet jedoch nicht mit dem Widerstand der Mutter Leopolds, Frau Jenny Treibel. Sie ist entschieden gegen diese Hochzeit und kann sie auch verhindern. Dass Korinna gegen Frau Jenny Treibel schneller aufgibt als erwartet, liegt an der Einsicht, dass das Besitzbürgertum, zu dem die Treibels gehören, das Geld allein Ziel und Zweck des Lebens sieht. Diese Gesinnung hätte ihre Erziehung, die allein auf Bildung und Charakterbildung beruht, verleugnet, Corinna hätte sie in solcher Ehe verleugnen müssen. "Besitz und Geld haben einen Zauber, wär es nicht so, so wäre mir meine Verirrung erspart geblieben; aber wenn Geld alles ist und Herz und Sinn verengt... -dann empört sich's hier, und das hinzunehmen wäre mir hart angekommen!"12 So heiratet sie doch lieber ihren gebildeten, einfachen Cousin, der ihr zwar nicht den Reichtum verspricht, aber das eigentliche Lebensglück, die einfache Liebe.

3.1.2 Mathilde Möhring

Mathilde Möhring, die Protagonistin des Romans "Mathilde Möhring" ist die Tochter eines verstorbenen Buchhalters und ist 23 Jahre alt. Sie hat nach der Meinung ihrer Mitmenschen ein "Gemmengesicht"13, ein edles Profil. "Doch mit dem edlen Profil schließt es auch ab,"14 beurteilt der Autor ihre Attraktivität. Sie ist zu hager und hat einen grisen Teint. Mathildes Auffassung nach sind auch ihre Lippen zu dünn, ihr aschgraues Haar ist spärlich und sie hat ein zu klein gebliebenes Ohr. "Diese Merkmale nehmen ihrem Aussehen jeden sinnlichen Zauber"15, wie der Autor des Romans über sie urteilt. Mathilde ist sauber, gut gekleidet und von energischem Ausdruck, aber ganz ohne Reiz und unattraktiv. Sie hat "wasserblaue Augen, die sehr nüchtern wirken und einen leichten Silberblick haben."16 Sie ist also von der Front nicht sehr hübsch anzusehen und ist sich dessen bewusst.
Mathilde lebt mit ihrer ständig klagenden Mutter in einem kleinen Haus in Berlin. Sie erträgt diese mit viel Geduld, indem sie ihr immer zuhört und versucht ihr die Angst vor allen neuen Geschehnissen zu nehmen. Ihr Vater starb sechs Jahre vor Mathildes siebzehntem Geburtstag. Auf seinem Sterbebett bat er seine Tochter sich "propper"17 zu halten. Diesen Rat befolgt sie sehr ernsthaft und hat ihre eigene Interpretation des Gesagten. Sie weiß sehr wohl, dass ihre Mitmenschen versuchen etwas Negatives in diese Worte zu interpretieren, doch sie macht sich daraus nichts. Sie deutet es als eine Aufforderung etwas aus sich zu machen, sich niemandem zu untergeben und ihren eigenen Weg zu gehen.


Mathilde befindet sich in der Phase des Erwachsenwerdens und damit verbundenen Suche nach einem geeigneten Lebenspartner. Sie findet diesen in ihrem Untermieter Hugo Großmann, der bei dem Einzug in das Möhring'sche Haus zwischen Studium und Examen steht. Er ist im Gegensatz zu Mathilde gutaussehend. Mit sehr viel Geschick, Klugheit und Taktik bringt sie ihn dazu, sich mit ihr zu verloben und mit ihr zu vermählen. "Er hält sie für klug und tapfer. Ein echtes deutsches Mädchen, charaktervoll, ein Wesen, das jeden glücklich machen muss, und von einer Innerlichkeit, geistig und moralisch. Ein Juwel."18 Mathilde Möhring ist sehr klug und dank ihres Vaters genoss sie auch eine zu der Zeit für Mädchen mögliche Schulbildung, die Volksschulbildung. Sie hat eine sehr gute Menschenkenntnis und weiß ihre Mitmenschen zu lenken, zu beeinflussen und zu manipulieren. Mathilde ist sehr selbstbewusst und vertraut nur auf sich selbst. Sie ist sehr höflich und vor allem sehr fleißig, praktisch und umsichtig. Bei ihren Nachbarn ist sie wegen dieser Eigenschaften beliebt und wird anerkannt, ohne jedoch eine feste Bindung zu ihr zu suchen. Sie sorgt mit viel Liebe und Sorgfalt für ihre Mutter. Hat sie sich etwas vorgenommen, gibt sie nicht eher auf, bis sie es erreicht hat. Mathilde ist also auch sehr willensstark. Sie berechnet gerne die Reaktionen anderer Menschen und liegt damit fast immer richtig.
Mathilde lebt jedoch sehr isoliert von Gleichaltrigen.

Sie hat keine Freunde, an die sie sich bei Problemen wenden kann. Sie ist immer nur alleine mit ihrer Mutter und hat diese als einzige Gesprächspartnerin. Begründet ist dieses in ihrem sozialen Umfeld. Schon bei dem Tod ihres Vaters wird ihre Zukunft von dem Pastor und dem Nachbar Schultze verachtend vorausgesehen, statt dem jungen Mädchen in dieser schrecklichen Situation beizustehen. Dies erschwert die Knüpfung sozialer Kontakte und das darauffolgende Vertrauensverhältnis sehr. Mathilde legt sich also, wie Hugo erkennt, eine "angelegte Rüstung"19 an, die sie von allen isoliert und nichts an sich herankommen lässt.
Mathilde fehlt so jeder Charme. Sie ist eher langweilig, sehr einfach und hat bestimmte Vorstellungen und Wünsche an den Verlauf ihres Lebens. Sie hat sich vorgenommen einen Mann höheren Standes zu heiraten und so einen besseren Lebensstil zu erhalten. Mathilde hat auch bestimmte Moralvorstellungen, an denen sie mit Hartnäckigkeit festhält. Für Ehrlichkeit und Natürlichkeit gibt es keinen Platz, ihr berechnetes Ziel muss zuverlässig und tüchtig erreicht werden. Leidenschaft und sexuelle Hingebung sind für Mathilde undenkbar. So gibt es für das Heiratsversprechen einen Kuss auf die Stirn und auch später bemängelt Hugo, dass "Küssen nicht ihre Force sei"20. Indem sie Hugo Großmann heiratet, erreicht sie ihr Ziel des sozialen Aufstiegs. Sie besorgt ihm nach seinem bestandenen Examen eine Stelle als Bürgermeister einer kleinen Stadt in der Provinz. Auch ist sie hier die treibende Kraft hinter ihrem Mann. Mathilde macht ihm Handlungsvorschläge und er braucht diese nur auszuführen. Durch Geschick und Taktik verhilft sie ihm auch zu einer sehr angenehmen Stellung in der Stadt. So zum Beispiel ist der Landrat aus verschiedenen Gründen nicht so überzeugt von Hugo und
Es wird sogar von "Gegnerschaft"21 gesprochen. Um diesem Geschehen Abhilfe zu verschaffen, bastelt Mathilde aus einem anderen Zeitungsartikel eine Lobrede auf den Landrat und stellt seine Wiederwahl außer Frage. Der Landrat hält Hugo für den Verfasser und die dagewesene Ablehnung ist verflogen. Auch entwickelt Mathilde in dieser Position eine eigene Art von Charme. Sie kommt aus sich heraus und traut sich sogar ein wenig keck zu sein. Der Landrat hält sie sogar für eine Adlige. Sie habe "Muck, Rasse und Schick."22 Das Glücksgefühl als Bürgermeisterfrau hält jedoch nicht allzu lange an. Kann Mathilde ihrem Mann doch allen Ärger vom Leibe halten, so kann sie doch nicht seinen Gesundheitsstand kontrollieren und Hugo stirbt früh. Sie kehrt zurück nach Berlin, erhält zwar eine Witwenrente, strebt aber doch den Beruf der Lehrerin an, denn sie gibt nicht auf, sich Selbst zu verwirklichen.

Nach dem Tode Hugos, der ihr an seinem Sterbebett versicherte, dass sie "etwas aus ihm gemacht hatte"23, erkennt Mathilde, dass ihr ein schwerer Fehler in der Rechnung mit Hugo unterlaufen war. Sie hatte ihn nur benutzt! Benutzt, um ein besseres Leben zu erhalten und damit sein Leben zerstört! Jedoch ist sie sehr selbstkritisch und versucht von nun an, die Menschen zu akzeptieren wie sie sind und sie nicht für ihre Zwecke zu benutzen: "wenn Mutter weimert, will ich nicht ungeduldig werden. Ich dachte, dass ich wunder was aus ihm gemacht hätte, und nu finde ich, dass er mehr Einfluss auf mich gehabt hat als ich auf ihn. Rechnen wird ich wohl immer, das steckt mal drin, aber nicht zu scharf, und will hülfreich sein und für die Runtschen sorgen. Schon deshalb, weil die Runtschen seine einzige Renonce war."24 Mathilde besteht ihr Examen an der Universität, und zwar um einiges besser als Hugo.

3.2 Verwirklichung ihrer Lebensträume

Die Erwartungen beider Frauen an das Leben werden nicht erfüllt. Mathilde Möhring erreicht ihr geplantes und berechnetes Ziel nur kurzfristig und sieht sich danach wieder in ihre alten Lebensumstände zurück versetzt. Corinna scheitert nicht an dem "Rettungsanker"25 selbst, sondern an der Mutter des Auserwählten. Sie kann ihren Traum von Reichtum und den Wunsch nach einem Luxusleben nicht verwirklichen.
Beide Frauen sind intelligent und den Damen ihres Alters weit voraus, so sind sie emanzipiert und versuchen durch Eigeninitiative ihre Lebensträume zu verwirklichen. Die Frauen wollen nichts dem Zufall überlassen. Sie legen sich beide einen Plan zurecht, der zu der schrittweisen Zuneigung seitens der auserwählten Männer dient. Mathilde bringt so den aus dem Großbürgertum stammenden Hugo Großmann dazu, sich mit ihr zu verheiraten. Bei seinem Einzug erkennt Mathilde Hugos schwache und sentimentale Züge. Der Student bezeichnet sie nur als "eine komische Figur"26.

Er nimmt sich also vor, sie zu ignorieren und sie auch wegen ihres Standes im niedrigen Bürgertum zu verachten. "Man hat seinen Lenau doch nicht umsonst intus"26, so urteilt der Student über Mathilde und deren Bildung. Er hält sich für gebildeter. Dieses Vorurteil kann die junge Frau ihm jedoch geschickt zu Nichte machen, indem sie sich bei seiner langanhaltenden Krankheit um ihn kümmert. "Wer was will, der muss auch was einsetzen"27, so lautet der Leitspruch Mathildes. Sie bemüht sich, nicht kleinlich und spießbürgerlich zu wirken. Mathilde ist sich bewusst, dass sie Hugo nicht mit Charme oder Aussehen betören kann, denn sie besitzt beides nicht. Sie beschließt, alles auf die "Karte der Bildung" zu setzen.

"Ein Mädchen müsse freilich auf sich halten, im Leben und Gespräch und in Theaterstücken, und dürfe nicht alles sehn und hören wollen, denn grade die Neugier sei ja der Versucher gewesen, aber ein Mädchen müsse sich ja auch vor Prüderie zu schützen wissen, wenn ihr ihr Gefühl sage, selbst das Stärkste stehe hier um einer guten Sache willen."28 Sie versucht sich seiner Bildung gleichzustellen, was ihr auch gelingt. Mathilde erlangt durch ihr gebildetes Verhalten Hugos Anerkennung, der eigentlich durch das auf Familienherkunft und Bildungsprivileg beruhende Standesbewusstsein des gehobenen Bürgertums von den zum niedrigen Bürgertum gehörenden Möhrings Abstand gehalten hat. Hugo ist von der von ihrem Stand her ungewöhnlich guten Bildung überzeugt, doch empfindet er bei ihr keine sinnliche Anziehungskraft. "Merkwürdiges Mädchen. [...] so gut und so tüchtig. Aber Küssen ist nicht ihre Force"29. Er ist sich sicher, dass sie auch auf niemand anderen eine erotische Wirkung haben könnte.

Während seiner Genesung denkt Hugo aus "einer Dankbarkeit und einem weichen, sentimentalen Gefühl. Mathilde sei die Frau, die für ihn passe, denn sie gerade hat, was ihm fehlt: quick, findig und praktisch."30 Er kommt zu dem Entschluss: "Ein Wesen, das jeden glücklich machen muss. [...] Ein Juwel."31 Das Paar verlobt sich und Hugo gibt Mathilde somit sein Heiratsversprechen. Der Plan Mathildes geht weiterhin auf; nach diesem Versprechen gönnt sie Hugo noch eine kurze Schonzeit. Das junge Paar geht an einigen Abenden gemeinsam mit der Mutter aus, vergnügt sich und investiert viel Geld in diese Freuden. "Ich dachte, du hättest nicht den rechten Sinn dafür, für die Freude, das süße Nichtstun, was doch eigentlich das Beste bleibt. [...] Nun sehe ich, dass ich eine heitre, lebenslustige Braut habe."32 "Thilde hielt es nicht für klug, ihn eines anderen zu belehren."33 Nach dieser Schonzeit zwingt Mathilde ihren Verlobten dazu, endlich für sein Examen zu lernen und hilft ihm durch gemeinsames Lernen, es auch zu bestehen. Hugo beginnt zu erkennen, dass Mathildes Verhalten einer Strategie entspringt, was bei ihm zur Verstärkung eines "Angstgefühls"34 führt. Nach und nach verbietet sie ihm auch den Umgang mit seinem guten Freund Rybinski, denn sie fürchtet, dass seine lapide Art auf Hugo abfärben könnte. Hugo liebt das faule Leben und das Theater.

Er wäre selbst gerne wie sein Freund Rybinski Schauspieler geworden. Mathilde achtet jedoch überhaupt nicht auf seine Bedürfnisse und hat nur das Ziel des sozialen Aufstiegs im Auge. Indem die beiden heiraten und Hugo seine Arbeit als Bürgermeister ausführt, steigt Mathilde zu einer von allen geachteten Frau auf. Von Hugo wird sie auch anerkannt, als eine gleichwertige Lebenspartnerin geachtet, die ihm auch bei Problemen zu helfen versteht. Er lässt sich von ihr lenken und beeinflussen, lässt sie die Verantwortung übernehmen. Mathilde ist an ihrem Ziel angelangt und geht in ihrer neuen Lebensform voll auf. Sie entwickelt sogar eine eigene Art von Charme. Dieses Glück hält nicht lange an, denn Hugos Eitelkeit, um der Landrätin als Schlittschuhläufer zu imponieren, führt seine tödliche Krankheit herbei. Nach seinem Tod kehrt Mathilde in das mütterliche Haus zurück. Sie beginnt zu begreifen, dass sie den schwachen Hugo als Hilfsmittel zum sozialen Aufstieg benutzt hat (siehe 3.1.2).


Genau wie Mathilde gelingt es auch Corinna, durch kühle Berechnung den Mann ihrer Träume für sich zu gewinnen. Corinna hat jedoch einen Vorzug gegenüber Mathilde: Sie ist charmant und lebenslustig. Mit diesem anziehenden Charme fällt es ihr leicht, die Männer in ihren Bann zu ziehen. Die Professorentochter hat sich den Sohn des Fabrikbesitzers Treibel als Werkzeug ausgesucht, um dem Kleinbürgertum zu entkommen und endlich in den Genuss eines "Landauers und eines großen Gartens um die Villa herum"35 zu kommen. Leopold Treibel ist mit Hugo Großmann vergleichbar. Auch er scheut sich davor, Entscheidungen zu treffen und sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Leopold wohnt noch im Elternhaus, lässt sich von Mutter und Vater finanziell unterstützen und führt keine eigene Tätigkeit aus. Er ist nicht sehr gebildet und sehnt sich auch nicht danach. Corinna sieht in ihm jedoch nur den materiellen Besitz, der für sie die Grundlage eines Lebens voll Freiheit und Unabhängigkeit ist. Sie hat die kleinen Verhältnisse, die im Professorenhaushalt Schmidt vorherrschen, satt. Ihre Unabhängigkeit ist ihr sehr wichtig, als Hindernis dieser sieht sie Leopold Treibel keineswegs an. "Einen schwachen, guten, unbedeutenden Menschen zur Seite zu haben, kann sogar angenehm sein, kann einen Vorzug bedeuten."36

Corinna plant das Heiratsversprechen mit viel List. Bei dem ersten Zusammentreffen der beiden jungen Leute in diesem Roman schenkt Corinna ausschließlich dem jungen Engländer Nelson Aufmerksamkeit, der von ihr sofort begeistert ist und ihr das Ideal einer Frau sieht. Sie unterhält sich schlagfertig mit dem jungen Engländer und macht geschickt für sich selbst Werbung.

Das gilt jedoch nicht Nelson, sondern dem ebenfalls anwesenden Leopold Treibel, der verzückt von Corinna ist und nicht mehr von deren Seite weicht. Nach diesem Ereignis ist sich Corinna sicher, dass Leopold ihr bald einen Heiratsantrag machen wird. Bei einer Landpartie ist es dann auch so weit. Zuerst umgarnt Corinna ihn geschickt mit einer Voraussage der Zukunft. Sie weist Leopold voraus, dass er die Schwester seiner Schwägerin, Hildegard aus Hamburg, heiraten wird. Dies lässt er natürlich nicht auf sich sitzen, will ihr seine ewige Liebe schwören und macht ihr den lang ersehnten Heiratsantrag. Temporär schafft Corinna den sozialen Aufstieg, rechnet aber nicht mit dem derben Eingreifen der Mutter des Verlobten, Frau Jenny Treibel. Die Ehe scheitert schon vor dem Vollzug und auch Corinna sieht sich in ihre alten Lebensumstände, das Bildungsbürgertum, zurückversetzt.
Insgesamt gesehen ist zu erkennen, dass die Erwartungen beider Frauen, Corinna und Mathilde, nicht erfüllt werden.

3.3 Interaktion mit sozialen Umfeldern

Corinna Schmidt ist eine sehr unterhaltsame, selbstbewusste, offene, gebildete Frau, die es versteht, geistreiche Konversationen zu führen. Sie ist sehr sympathisch, witzig, attraktiv und wird von ihrem Umfeld gemocht. Mathilde Möhring steht hier in einem gewissen Gegensatz zu Corinna. Ihre Art ist weder aufregend noch ist sie in irgendeiner Weise attraktiv. Sie ist langweilig, möchte nicht viel von Vergnügungen wissen. Sie ist zufrieden, wenn sie zu Hause ist und nicht viele Personen um sie herum hat. Corinna hingegen genießt die Abwechslung vom Alltag auf den Landpartien und Diners, die von der befreundeten Familie Treibel organisiert werden.

Mathilde würde sich auf diesen Unternehmungen nicht wohl fühlen, würde sich von der Masse der Gäste lieber zurückziehen, für sich allein sein. Mathilde wird von ihrem Umfeld auch gemocht, besonders aufgrund ihrer höflichen Art, jedoch kommt es nie zu tieferen Bindungen. Corinna wird von ihrem Umfeld auf der eine Seite akzeptiert, für ihr Selbstbewusstsein und ihren Bildungsreichtum bewundert, seitens der Hamburger Schwiegertochter Helene Treibel, die das gesellschaftliche Idealbild einer Frau verkörpert, allerdings missbilligt und beneidet. Helene findet Corinna unweiblich, da sie sich "zuviel herausnimmt"37 Es ist durchaus untypisch für eine Frau der damaligen Zeit, sich so zu benehmen wie die Professorentochter. Helene versucht nur ihre Eifersucht zu überspielen, denn sie selbst ist langweilig und konservativ. Corinna findet bei Gesellschaften immer sofort Anschluss und wird häufig von den Männern bewundert. Das ist ihr auch durchaus bewusst. "Ich habe meinen guten Verstand und bin offen und frei und übe damit eine gewisse Wirkung auf Männer aus."38
Zum Ende des Romans "Mathilde Möhring", wenn das Ehepaar in Woldenstein lebt, entwickelt die junge Frau Mathilde auch eine gewisse Art von Charme. Einwohner der Stadt finden sie sympathisch, einem alten Grafen gefällt sie ganz besonders. Auf einer winterlichen Schlittenfahrt überrascht sie mit Schlagfertigkeit und entwickelt sich zu einer interessanten Gesprächspartnerin.
Mathilde wächst ohne ihren Vater auf, der ihr als gebildeter, intelligenter Gesprächspartner innerhalb der Familie fehlt. Mathildes Denkkraft ist der ihrer Mutter stark überlegen. Es ist die Tochter, die alle Entscheidungen zu fällen hat, ihre Mutter umsorgen muss und versucht, die ältere Frau von ihren Ängsten zu befreien, oder sie mit ihrer Zuversicht versucht zu vermindern. Sie unterstützt ihre auch finanziell. Das macht Mathilde zu einer starken Persönlichkeit, die glaubt, dass Nichts und vor allen Dingen Niemand ihr helfen könnte, mit dieser schwierigen Situation umzugehen. Sie denkt, dass sie keine Freunde und keine Ablenkung vom Alltag braucht. Das macht sie zu der einsamen Person, die sie ist, und aus welcher Rolle sie sich nicht befreien kann, es jedoch versucht und Gefallen daran findet.
Corinna wächst mit ihrem Vater auf, der der jungen Frau alle Freiheiten lässt und ihr vertraut. Er drängt sie nicht, Entscheidungen zu treffen, die er für richtig hält. Der Professor weiß, dass seine Tochter intelligent genug ist, sich ihren eigenen Weg durch das Leben zu bahnen. So ist er, als er die Entscheidung Corinnas sich mit Leopold zu vermählen, hört, nicht besorgt und versucht nicht, Corinna seinen Willen, dass sie sich mit Marcell, den er für den durchaus kompetenteren Lebenspartner für Corinna hält, verheiratet, aufzuzwingen. Er erkennt frühzeitig, dass Corinna doch noch die richtige Entscheidung treffen wird.
Corinna wächst ohne ihre Mutter auf, doch ist ihr die Haushälterin ein gleichwertiger Mutterersatz. Die Haushälterin selbst ist Witwe und hat keine Kinder. So ist sie sehr aufopfernd für die Familie Schmidt.
Bei Mathilde fehlt diese mütterliche und väterliche Wärme und Liebe ganz. Von ihrer ängstlichen Mutter empfängt sie keine Liebe, sie gibt ihr auch keine zurück. Die Mutter ist zwar die wichtigste Person in ihrem Leben, doch ein liebevolles Verhältnis existiert nicht. Es ist eher kühl und zweckmäßig.
Zusammenfassend ist zu sagen, dass Corinna die weitaus kommunikativere und beliebtere Person ist. Mathilde macht jedoch mit einem ausgeklügelten Plan auf sich aufmerksam und verblüfft damit jeden Leser.

4 Historischer Hintergrund

4.1 Die Rolle der Frau gegen Ende des 19. Jahrhunderts

Die Hauptaufgabe der Frauen in dieser Epoche war es, einen Mann zu heiraten und gute Hausfrauen und Mütter zu sein. Hochzeiten entstanden keineswegs nur unter dem Aspekt der Liebe. Da Frauen normalerweise keinen Beruf ausübten und es ihnen in vielen Berufen auch nicht gestattet war zu arbeiten, mussten sie heiraten, um sich den Lebensunterhalt zu sichern. Dieser war nach Stellung und Stand des Mannes gerichtet. Frauen konnten sich also eine bessere soziale Stellung nur durch eine Vermählung mit einem Mann höheren Standes aneignen. Es gab auch klar definierte Rollenverteilungen innerhalb der Ehe. Der Mann war das Oberhaupt der Familie, die Frau hatte sich dem Mann unterzuordnen und ihm zu gehorchen. Die Frau war nach August Bebel nur ein "Genussobjekt" und wurde in der Ehe "ein Stück Eigentum des Mannes"39. Hatte die Frau einen herrschsüchtigen Mann, konnte sie sich ihm nur stillschweigend unterordnen, da sie alleine nicht überleben konnte. Sie war also zeitlebens an ihn gebunden und musste sich alles gefallen lassen.
Frauen stärkten ihren Männern den Rücken, kochten für ihn, sorgten sich um den Haushalt und die gemeinsamen Kinder. Die Frauen hatten also kaum Möglichkeiten zur Selbstentfaltung, ihr Leben war sehr eintönig und brachte keine großen Veränderungen und Vergnügen mit sich. Frauen waren gesellschaftlich unfrei. Die einzige Ausnahme war, den Beruf der Lehrerin anzunehmen. Frauen wurde diese Arbeit aber wesentlich schlechter bezahlt als den Männern. So erhielt eine Lehrerin in Hannover im Jahre 1900 1000 bis 2000 Reichsmark im Jahr, ein Lehrer hingegen 2250 bis 5150 Reichsmark.40 Das reichte bei einer alleinverdienenden, ledigen Frau gerade mal für die bescheidensten Ansprüche.
Von einer Frau gab es auch bestimmte Vorstellungen über deren Moral. Die Frau sollte bei der Vermählung noch Jungfrau sein. Sex vor der Ehe wurde tabuisiert. Die Eigenschaften der "perfekten Frauen" werden im Goldenen A.B.C. für Jungfrauen41 wie folgend beschrieben: Die Damen, die auf eine Heirat hofften, hatten reinlich und sittsam zu sein. Diskretion, eine gute Erziehung sowie Nachgiebigkeit, Bescheidenheit, Einsicht und jungfräuliche Reinheit waren weitere Eigenschaften der jungen Damen. Tratschtanten sollten sie nicht sein, Neugierde war ein Tabu, Geheimnisse herumerzählen und über andere herzuziehen war ihnen verboten. Weibliche Passivität und Zurückhaltung auf Festen und sonstigen Konversationen waren erwünscht und verlangt. Sie sollten darauf achten, den Ruf der Familie nicht zu schädigen. Auf ihr Äußerliches mussten sie sehr viel Wert legen, sie mussten schön anzuschauen sein. Wenn sie dann einen Mann bekamen, hatten sie ihm unbedingt treu zu sein. Natürlich sollten sie auch ihrem Liebsten aufs Wort gehorchen, sonst versprach das Goldene A.B.C. ein unglückliches, unerfülltes Leben, das von Zank und Streit mit dem Versorger der Familie geprägt war.
Dieses A.B.C. nahmen sich sicher viele junge Mädchen zu Herzen, da sie alle auf den richtigen Mann ihres Lebens hofften und nicht an den Falschen geraten wollten.
Wie sehr Frauen In Deutschland übergangen worden sind, zeigt sich sogar in Fontanes "Frau Jenny Treibel". So wendet sich der Leutnant Vogelsang bei seiner Tischrede ausschließlich den Männern zu und beachtet und würdigt das Beisein der Frauen überhaupt nicht. Der Engländer Nelson zeigt sich von diesem ungesitteten Vorgehen höchst empört.

4.2 Sind Corinna und Mathilde vorbildlich für diese Rolle?

Für Mathilde Möhring ist ein Leben unter der "Herrschaft" eines Mannes unvorstellbar. Einem solchen muss sie sich ihr ganzes Leben nicht unterordnen, seit dem Tod ihres Vaters übernimmt sie die Rolle des Familienoberhauptes. Ihre Mutter, Adele Möhring, ist viel zu geängstigt und gehemmt, die Vorherrschaft innerhalb der Familie zu übernehmen. Mathilde ist selbständig, fasst leicht Entschlüsse und lässt sich nicht in eine bestimmte Rolle zwingen. Ihren idealen Ehemann findet sie in Hugo Großmann, der ihren Traum eines besseren Lebens erfüllt, aber sich auch nicht scheut, Ratschläge von ihr anzunehmen und sie in der Ehe die Oberhand übernehmen lässt. Sie passt auch nicht in die Rolle der damaligen Frau, da sie sich nach dem Tod ihres Mannes nicht zur Ruhe setzt und von der Witwenrente weiterlebt. Mathilde erfüllt sich ihren Wunsch eines Studiums und eines Arbeitsplatzes als Lehrerin. Den den "Jungfrauen" zugeschriebenen Eigenschaften entspricht die junge Frau nicht. Sie legt nicht viel Wert auf ihr Äußeres, ganz im Gegensatz zu Corinna, beeindruckt eher mit Klugheit und Taktik. Hartnäckigkeit ist auch eine ihrer Charaktereigenschaften, Mathilde lässt sich nicht herumkommandieren, gar bevormunden.
Corinna ist auch nicht die Verkörperung der Vorstellung einer Frau gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Sie ist selbstbewusst und will nicht in eine Norm hereingedrängt werden. Auf Festlichkeiten, bei denen sie mit anderen Menschen zusammentrifft, ist sie nicht, wie die Gesellschaft es von einer Frau verlangt, nur passiv am Gespräch beteiligt. Sie nimmt aktiv an Konversationen teil und zieht damit die Aufmerksamkeit der Männer und auch der Frauen auf sich. "Ich erfreue mich dank meiner Erziehung, eines guten Teils von Freiheit, einige werden vielleicht sagen von Emanzipation, aber trotzdem bin ich durchaus kein emanzipiertes Frauenzimmer. Im Gegenteil, ich habe gar keine Lust, das alte Herkommen umzustoßen, alte, gute Sätze, zu denen auch der gehört: ein Mädchen wirbt nicht, um ein Mädchen wird geworben."42 Sie ist sich durchaus bewusst, dass sie nicht auf die konventionellen Normen der Frau hin erzogen worden ist, sei es noch von ihrem Vater, der Haushälterin, oder ihrem sozialen Umfeld. Ihr ist bewusst, dass sie anders ist. Auch weist sie eine gründliche Bildung auf in Wissensgebieten wie Englisch und Geschichte und Politik. Dies ist untypisch für eine junge Dame jeden Standes.
Eine Handlungsweise trifft jedoch auf beide jungen Frauen zu: Corinna, wie auch Mathilde, greifen aktiv in die Wahl des Lebenspartners ein, dessen Recht bisher ausschließlich den Männern vorbehalten war.

5 Ehe ganz realistisch

Der Roman "Frau Jenny Treibel" entstand in der Zeit von 1887 bis 1891. Den Roman "Mathilde Möhring" schrieb Theodor Fontane in den Jahren 1891 und 1895/96. Zu diesem Zeitpunkt war die wichtigste literarische Strömung der poetische Realismus (1848-1890), von der Theodor Fontane einer der wichtigsten Vertreter war. Die Autoren schrieben im poetischen Realismus über wahre Ereignisse, die sie jedoch nicht bei der pudelnackten Wiedergabe beließen. Sie gestalteten den vorgefundenen Stoff um und verflochten ihn mit dichterischen Mittel. An der Epik, die den Poetischen Realismus dominiert, orientierten sich die Autoren. Der Bildungsroman aus der Goethezeit und bewährte Muster aus Klassik und Romantik waren ebenfalls Vorreiter des Realismus. Die Schriftsteller mieden große gesellschaftspolitische Probleme und wandten sich der Landschaft und ihren Menschen zu. Die Wirklichkeit wurde durch Poesie verklärt und verschönert.43
Das Zentrum des Romans bildete immer noch das Individuum, was verwunderlich ist, da die Menschen zunehmend in die Städte zogen und in einer der riesigen Fabriken auf eine Arbeit hofften. Alle Arbeiter verschmolzen in einer großen Menschenmasse und dem einzelnen Mensch wurde keine Aufmerksamkeit geschenkt, er ging in der Masse unter.
Ein stilistisches Merkmal dieser Art von Literatur ist der Humor. Dieser ermöglicht die Distanz zwischen Wirklichkeit und der Literatur. Die Wirklichkeit wird dem Leser nicht präsentiert, sie wird verschönert und manchmal ins Lächerliche gezogen.
In den Romanen Theodor Fontanes findet der poetische Realismus schärfere gesellschaftskritische Formen, weist aber nur auf einzelne Fehler und Schwächen des Gesellschaftssystems hin. Nie wendet er sich gegen die Gesamtheit des Systems.
Theodor Fontane macht in den beiden Romanen Gebrauch von der Verschönerung der Wirklichkeit. Versetzen wir uns in die Lage Mathildes oder Corinnas! Wie schlecht muss es den beiden klugen Frauen gehen, dass sie bereit sind, eine Zweckehe mit einem Menschen zu führen, den sie nicht einmal lieben oder begehren? Die Beziehungen sind von beiden genau geplant und durchdacht. In diesem Vorgehen ist kein Platz zur "Verwirklichung und Vollendung romantischer Liebe"44 in ihrem Streben nach sozialem Aufstieg und Anerkennung. Die beiden jungen Frauen lernen die wirkliche Liebe gar nicht erst kennen, so bedacht sind sie darauf, dem Kleinbürgertum mit seinen Einschränkungen im täglichen Leben zu entkommen. Für sie bedeutet eine Hochzeit nur ein Emporsteigen in den Klassenrängen und Einkommensklassen. Für dieses nehmen sie vorlieb mit den zu ihnen unpassenden Charakterzügen der ausgewählten Männer.

6 Abschließende Wertung

In dieser Arbeit habe ich versucht, die Aufstiegskämpfe der beiden Frauen zu beschreiben und zu analysieren, warum und wie sie dem Kleinbürgertum zu entkommen versuchen. Auch habe ich versucht, dem Leser dieser Arbeit die Charaktere näher zu bringen und ihre Handlungen so zu verstehen. Ich glaube, dass mir dies gut gelungen ist, da meine Arbeit durchdacht und leicht zu verstehen ist.

7 Reflexion

Leicht ist mir die Aufgabe dieser Facharbeit nicht gefallen. Es war sehr schwer, Sekundärliteratur zu dieser Aufgabenstellung zu finden. Häufig fand ich nur eine kurze Zusammenfassung des Inhalts, vage Interpretationsversuche und leichte Anfänge einer Charakterisierung der Einzelpersonen.
Auch musste ich mich selbst überwinden, diese Aufgabe zu bewältigen, da ich eine Sache anfange, sie aber nur halbherzig oder gar nicht erledige.
Verschätzt habe ich mich zu Anfang auch: Ich las lange verschiedene Texte der Sekundärliteratur, wusste aber eigentlich gar nicht genau, worauf es eigentlich ankam und worauf ich zu achten hatte und verlor so eine Menge Zeit.
Festgestellt habe ich, dass ich lieber eigene Interpretionsversuche mache, anstatt lange in irgendwelchen Bücher nach ihnen zu suchen und sie doch nicht zu verwerten, da sie mir unsinnig und überbewertet vorkommen.

Quellen:

  • Fontane, Theodor: Frau Jenny Treibel oder Wo sich Herz zum Herzen find’t. Erste Buchausgabe. F. Fontane & Co., Berlin 1893
  • Müller-Seidel, Walter: Theodor Fontane. Soziale Romankunst in Deutschland. J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1975
  • Richter, Simone: Fontanes Bildungsbegriff in "Frau Jenny Treibel" und "Mathilde Möhring". Fehlende Herzensbildung als Grund für das Scheitern des Bürgertums, Saarbrücken 2007
  • Sabina Becker, Aufbruch ins 20. Jahrhundert: Theodor Fontanes Roman Mathilde Möhring'. Versuch einer Neubewertung. In: Zeitschrift für Germanistik N. F. 10 (2000), Heft 2, S. 298–315.
  • Agni Daffa, Frauenbilder in den Romanen Stine und Mathilde Möhring. Untersuchungen zu Fontane, Frankfurt a. M. u. a. 1998.
  • Renate Gollmitz, Max Herrmanns Korrekturen zur Erstausgabe von Mathilde Möhring (1908). In: Fontane Blätter 47 (1989), S. 111–113.
  • Gabrielle Gross, Der Neid der Mutter auf die Tochter. Ein weibliches Konfliktfeld bei Fontane, Schnitzler, Keyserling und Thomas Mann. Bern u. a. 2002.
  • Gabriele Radecke, Für eine textgenetische Edition von Theodor Fontanes Mathilde Möhring. In: Textgenese und Interpretation. Hrsg. von Adolf Haslinger u. a., Stuttgart 2000, S. 28–45.
  • Simone Richter, Fontanes Bildungsbegriff in Frau Jenny Treibel und Mathilde Möhring. Fehlende Herzensbildung als Grund für das Scheitern des Bürgertums, Saarbrücken 2007.
  • Eda Sagarra, Mathilde Möhring. In: Fontane-Handbuch. Hrsg. von Christian Grawe und Helmuth Nürnberger, Stuttgart 2000, S. 679–690.
  • Harald Tanzer, Theodor Fontanes Berliner Doppelroman: Die Poggenpuhls und Mathilde Möhring. Ein Erzählkunstwerk zwischen Tradition und Moderne, Paderborn 1997.
  • Monika Werner, Psychologische und anthropologische Aspekte dreier Frauengestalten im Werk Theodor Fontanes (Effi Briest, Jenny Treibel und Mathilde Möhring), Berlin 2004.

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4.4 / 5 Sternen (9 Bewertungen)
  • Autor: Nicht angegeben
  • Fach: Deutsch
  • Stufe: 13. Klasse
  • Erstellt: 2011
  • Note: 1
  • Aktualisiert: 23.07.16

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  • Lizzie schrieb am 01.05.2011:

    Ohne dich hätte ich mein Referat heute nicht fertig bekommen..vielen Dank, grandiose Arbeit!

  • Scoona-tool schrieb am 25.09.2010:

    viel gelernt

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