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"Das Ende der Eulen" Gedichtinterpretation (H. M. Enzensberger)

Inhaltsverzeichnis

H. M. Enzensberger: "Das Ende der Eulen "Gedichtinterpretation und Gedichtanalyse. AUßerdem unten ein Vergleich mit dem Gedicht "Juni" von Marie Luise Kaschnitz. Wirklich sehr umfangreiche Interpretation mit Stilmitteln etc.

Hans Magnus Enzensberger wurde 1929 in Kaufbeuren geboren. Er absolvierte ein Germanistik- und Philosophiestudium und betätigte sich später als Rundfunkredakteur und Lektor. 1957 begann er seine schriftstellerische Karriere mit zeitkritischer Lyrik, z. B. in den Sammelbänden "Verteidigung der Wölfe" (1957) und "Landessprache" (1960). In den 60er Jahren begann er politik- und medienkritische Essays wie "Einzelheiten" (1962-1964), "Politik und Verbrechen" (1964) und "Deutschland, Deutschland unter anderem" (1967) zu verfassen. 1970 gründete er den Kursbuchverlag, 10 Jahre später die Zeitschrift TransAtlantik. Seit 1985 ist er der Herausgeber der Verlagsreihe "Die Andere Bibliothek". Heute lebt er in München-Schwabing.

Zu den wichtigsten seiner zahlreichen Auszeichnungen gehören der 1963 gewonnene Georg-Büchner-Preis und der im gleichem Jahr von der Stadt Rom verliehene Pasolini-Preis. Außerdem ehrte man ihn1985 mit dem Heinrich-Böll-Preis, 1997 mit dem Ernst-Robert-Curtius- Preis für Essaystil und 1998 - als Repräsentant aufklärerischen Denkens - mit dem Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf.*

1960 verfasste Enzensberger das Gedicht "das ende der eulen", das während dem ersten Durchlesen erst einmal ziemlich verwirrt. Dennoch bleibt die grundlegende Information, ein Denkanstoss hängen. Inwieweit können wir, die Menschen den leichtfertigen Umgang mit unserer Natur tolerieren, ist die zentrale Frage dieses Gedichtes, die der erste Leseeindruck hinterlässt.

Inhaltlich geht es in diesem Gedicht um das Aussterben der Eulen sowie anderer Tiere und Pflanzen auf der einen Seite und das Ende der Menschen auf der Anderen.
In der ersten Strophe nennt das lyrische Ich fünf Tierarten, die Eulen, den Butt und den Wal, sowie die Raben und Tauben über deren Ende es spricht und bekräftigt, dass es ihm nicht um das Aussterben der Menschen geht. Er erläutert das Heim der Fische, das "siebenfältige meer" (Z.5) und die Gletscher, die zu früh "kalben" (Z.7) werden. Weiterhin redet er vom Aussterben der Vögel und allen anderen Lebewesen, deren Lebensraum, der Himmel oder der Wald ist. Er erwähnt auch das Gebirge und das Moor, denen er genauso wie den "flechten im kies" (Z.10) und dem "weglosen (Z.11) den Untergang voraussagt.
In der zweiten Strophe geht es um die sibirischen Eislandschaften und Floridas Sumpfgebiete, die das lyrische Ich beide als furchtbar verdrahtet und verkabelt darstellt. Überall zerstören Antennen die Landschaftsbilder und Warnketten erdrücken die Schönheiten der Sümpfe und des Eises. Die Daten, die die Sendemasten übertragen blinken auf Radarschirmen und werden auf Meldetischen ausgewertet. Die Natur ist vom "letztem manöver" (Z.20) umzingelt und über ihr schwebt der Rauch von Feuern. Der "ernstfall" (Z.22) ist eingetreten.
Nachdem uns das lyrische Ich in der dritten Strophe erklärt, dass sich an uns nun keiner mehr erinnert, fordert es uns auf uns nicht um die "waisen" (Z.24) zu kümmern und uns den "ruhm" (Z.27), die "rostfreien psalmen" und die "mündelsicheren gefühle" (Z.26) aus dem Kopf zu streichen. Nachdem es uns als "planer der spurlosen tat" bezeichnet hat beteuert es wieder, dass es nicht über unser Ende spricht, und auch nicht über seines, sondern über das der "sprachlosen Zeugen" (Z.32). Wieder nennt es Beispiele, und zwar die Ottern, die Robben und die "alten eulen der erde" (Z.34).

Das Gedicht besteht aus drei Strophen, von denen die Erste und die Dritte aus jeweils zwölf Versen zusammengesetzt sind, die zweite nur aus zehn. In den längeren Strophen legt das lyrische Ich in Ruhe seine Gedanken und seine Anschauungsweise dar, während in der kürzeren Strophe ein Zeitlimit gegeben ist, schließlich befindet man sich im Ticken de Ernstfalls. Vermutlich hat Enzensberger die mittlere Strophe gekürzt, um das dort auftretende Gefühl der Hektik zu unterstreichen.
Der Höhepunkt liegt meines Erachtens nach am Ende der zweiten Strophe, da die erste Strophe auf das Thema vorbereitet, in der Nächsten Spannung aufgebaut wird und dann, in der Dritten alles vorbei ist und den vorangegangenen Versen nur noch einmal Nachdruck verliehen wird.
Den Wendepunkt würde ich an die gleiche Stelle setzten, da die ersten beiden Strophen zeitlich gesehen vor dem im Gedicht dargestelltem Weltuntergang stattfinden, die dritte danach.
Es liegt keine besondere Gedichtform vor.

Der Rhythmus des Gedichtes ist unregelmäßig, ein spezielles Versmaß nicht zu erkennen. Auffallend ist jedoch, dass die Mehrzahl der Verse drei Betonungen aufweisen.
Nach der zweiten Strophe setze ich, beim Durchlesen eine Pause: Das "letzte manöver" (Z.20) geht dem Ende entgegen, die Uhr tickt, und jetzt, in der Pause, tritt der Ernstfall ein. Danach sind wir, die Menschen vergessen, da er alles, was an uns erinnern könnte ausgelöscht hat. Durch diese Pause wird im Leser die Spannung auf das, was als Nächstes kommt gesteigert, außerdem wird das Gefühl der Tragik verstärkt.
Es liegt kein Reim vor. Dadurch wirkt das Gedicht abgehackt, hektisch und unruhig. Da der Inhalt über das Ende allen Lebens handelt, ist es anzunehmen, dass der Autor diese Eigenschaften bewusst hervorheben wollte und deshalb auf den Reim verzichtete.

Enzensberger hat als Subjekt seines Gedichte das lyrische Ich gewählt. Er schreibt also so, als ob er selber der Erzähler wäre und die (wenige) Handlung selbst erleben würde, obwohl dies gar nicht möglich ist, da die Welt, die er darstellt nicht reell ist.
Als er dieses Gedicht geschrieben hat, war er wahrscheinlich ziemlich aufgewühlt. Vielleicht hat er es als Folge auf einen Krieg geschrieben, während dem er gezweifelt hatte ob die Menschen alles im Griff gehabt haben. Wenn man das Thema des Gedichtes betrachtet, wäre dies eine naheliegender Grund. Ich denke, dass er seine Erfahrungen so verarbeitet hat.
Ich persönlich meine, dass sich die Menschen in diesem Gedicht einem Atomkrieg nähern, der die ganze Erde zerstören wird. Die Großmächte Russland und die USA arbeiten unaufhörlich auf einen Kampf hin, bei dem sie zum Schluss die Atombombe zünden und so alles ausrotten. Am Ende erinnert sich nichts und niemand mehr an uns, bzw. "die alte Welt"
Das "dunkle Haus" (Z.4) von "Butt und Wal" (Z.3), das "siebenfältige Meer" (Z.5) steht vermutlich für die Tiefen der sieben Weltmeere.
Das zu frühe "kalben" (Z.7) der Gletscher interpretiere ich als das zu frühe und damit unheilbringendes Abschmelzen der Schneemassen.
Wenn das lyrische Ich vom "weglosen" spricht, so meint es meiner Meinung nach, das, das eigentlich gar nicht existiert, wie z.B. unsere Gedanken und Gefühle.
In der zweiten Strophe ist vom "letztem manöver" (Z.20) die Rede, das "unter schwebenden feurglocken" (Z.21) im "ernstfall tickt" (Z.22). Wenn ich diese Worte höre stelle ich mir eine verwüstete Erde vor, die vom Rauch des Feuers vorangegangener Explosionen bedeckt ist und die nur noch auf den Knall der schon gezündeten Atombombe wartet die dann endgültig alles auslöschen wird.
Die "waisen" von denen in Zeile 24 gesprochen wird, verkörpern wahrscheinlich unsere Nachwelt, die uns aber "schon vergessen" (Z.23) hat, und so quasi elternlos aufwachsen muss.
Die "mündelsichern gefühlen" stehen wohl für den Glaube der Menschen alles abgesichert zu haben, sodass kein Unheil mehr an sie herankommen kann.
Wenn ich in Zeile 27 den Begriff "die rostfreien psalmen" lese, so ist das, denke ich ein Querverweis auf die Kirche, die auch nicht unfehlbar oder unvergänglich ist, denn selbst sie kann altern und rosten.
Alle Menschen zusammen werden in dem Gedicht als "planer der spurlosen tat" dargestellt. Ich denke, dass sie etwas geplant haben, dessen Auswirkungen sie sich nicht bewusst waren. Gemeinsam arbeiten sie darauf hin die Welt zu zerstören ohne wirklich zu begreifen was sie tun.

Enzensberger beginnt sein Gedicht mit den Eulen und beschließt es auch wieder damit. Dadurch schafft er eine Abrundung und führt den Leser wieder zum eigentlichem Thema, dem symbolischen "ende der eulen" zurück, von dem er vorher durch seine Erläuterungen und Schilderungen abgewichen war. Das komprimierte Thema verwendet er auch als Überschrift.
Nahezu während des ganzen Gedichtes berichte das lyrische aus dem Beobachterstatus. Nur in Zeile 23 weicht es von dieser Form ab, als es meint "wir sind schon vergessen". Hier stellt es sich auf die gleichen Stufe wie die übrigen Menschen, vermutlich möchte es bekräftigen, dass es selbst, nach dem Weltuntergang auch vergessen wird.
In der ersten Strophe sind viele Ortsangaben aus allen Bereichen zu finden. Der Autor spricht vom Meer, von den Lüften, den Wäldern, dem Kies, den Gebirgen und den Gletschern. Es ist daher anzunehmen dass er von der ganzen Welt spricht.
In der zweiten Strophe beschränken sich die Ortsangaben auf das sibirische Eis und die Sümpfe Floridas. Hier fasst der Autor die Gebiete der beiden Großmächte Russland und USA ins Auge. Die letzte Strophe ist frei von Ortsangaben, nur in der letzten Zeile erwähnt Enzensberger "die alten eulen der erde" (Z.34), woraus man schließen kann, dass es sich wieder um die gesamte Welt handelt.
Bis auf zwei Ausnahmen ist das Gedicht ausschließlich im Präsens geschrieben, wobei die Verben in der zweiten Strophe nicht konjugiert sind und nur im Partizip vorkommen. Der erste Vers der dritten Strophe "wir sind schon vergessen" macht deutlich dass uns der Autor in der zweiten Strophe einen Ausblick auf die Zukunft verschafft hat, danach appelliert er an uns wie in der ersten Strophe in der Gegenwart. Die zweite Zeitänderung "sie werden kalben zu früh" verschafft uns ebenfalls einen Blick in die Zukunft, hier aber, durch das Futur, offensichtlicher als im zweiten Teil durch die Partizipien und den darauffolgenden Satz im Perfekt.

Während die erste und die letzte Strophe frei von Geräuschen und Farben sind, sehe ich die "auf radarschirmen leuchtenden" Daten deutlich vor mir, dazu höre ich das "ticken" einer Uhr im "Ernstfall" (Z.22).
Der Autor benutzt auffallend wenige Verben, meistens benutzt er das "einfache" Wort "sprechen". Die anderen Verben die er verwendet sind solche, die Interpretationen offen lassen. In seinem Gedicht kommen auch nur wenige Adjektive, sowie Adverbien vor.
Während Enzensberger in der ersten und der letzten Strophe vollständige Sätze mit konjugierten Verben verwendet, gebraucht er in der zweiten Strophe ausschließlich Partizipien, die er in Satzfetzen eingebaut hat. Dies ist die Satzstellung, die jemand gebraucht, wenn er von etwas Furchtbares erzählen soll, während ihm der Schreck noch in den Gliedern sitzt. Genau dieses furchtbare Gefühl soll dem Leser in der mittleren Strophe nahegebracht werden, es handelt sich schließlich um das Ende der Welt.

Das Gedicht weißt einige Symbole auf, von denen das wichtigste das der Eule ist. Sie erschien der antiken Naturbeobachtung ernst, nachdenklich und weise; außerdem hat sie die Fähigkeit, im Dunkel zu sehen. Deswegen war sie ein Symbol der die Dunkelheit des Nichtwissens durchdringenden Weisheit und wurde so zum Attribut der griechischen Göttin der Wissenschaften, Athena.** Wenn das lyrische Ich also vom "ende der eulen" spricht, so meint es wohl das Aussterben der Weisheit. Der Mensch hat diese, nutzt sie aber unwillkürlich bevorzugt für die dunklen Machenschaften, die irgendwann zum Ende führen. Auch die Eule bevorzugt die Dunkelheit.
Weitere Symbole sind die Sümpfe Floridas, die für die Großmacht Amerika und das sibirische Eis, dass für die Großmacht Russland steht.
In die ersten drei Verse ist eine Anapher eingebaut, das heißt, die Zeilen beginnen immer mit dem gleichen Wort. In diesem Fall liegt noch eine Verstärkung vor, da jeweils die ersten drei Worte identisch sind. Dadurch weißt der Autor auf das hin, au das er besonders viel Wert legt. Hier möchte er, dass alle mitkriegen, welches Thema diesem Gedicht zugrunde liegt.
Darüber hinaus fällt Lautmalerei an verschiedenen Stellen auf, ab der Überschrift bis zur Zeile zwei (das ende der eulen, ich spreche von euerm nicht, ich spreche vom ende der eulen) in der Zeile 16 (befingert floridas sümpfe), von Zeile 23-26 (wir sind schon vergessen, sorgt euch nicht um die waisen, aus dem sinn schlagt euch die mündelsichern gefühle) und von Zeile 31 bis 32 (ich spreche von dem was nicht spricht, von den sprachlosen zeugen). Der Dichter erzeugt so einen schönen Klang, der fast wie ein Reim wirkt.
Weiterhin kann man Alliterationen, die die selbe Wirkung haben erkennen. In Zeile 9
heißt es: "von allem was lebt in lüften", in Zeile 18: "und schilf und schiefer erwürgt".
Die zweite Strophe besteht fast nur aus Enjambements, was ein weiteres Mittel zur Unterstreichung der dort auftretenden Hektik und Unruhe ist.

Generell fällt bei diesem Gedicht auf, dass alle Wörter kleingeschrieben sind

Vergleich mit dem Gedicht "Juni" von Marie Luise Kaschnitz

Marie Luise Kaschnitz wurde am 31.01.1901 in Karlsruhe geboren, sie verfasste zahlreiche Gedichte und war wie Hans Magnus Enzensberger vor allem wegen ihres Essaystils bekannt.*** Ihr Gedicht Juni unterscheidet sich schon im Aufbau grundlegend von dem Enzensbergers. Ihres besteht aus sechs Strophen mit jeweils vier Versen. Es wirkt damit geordneter und übersichtlicher. Auch hier liegt jedoch kein Reim vor. Während das Eulengedicht fast ausschließlich im Präsens gehalten ist, schreibt Kaschnitz im Imperfekt. Ihr Gedicht ist eine Schilderung der Erde wie sie einst war. Enzensberger beschreibt die Erde wie sie jetzt ist oder wie sie sein wird. Wie Enzensberger drückt sich auch Kaschnitz durch das literarische Ich aus.

Das Versmass ihres Gedichtes ist ein fünfhebiger Trochäus, durch den sie eine gewisse Gleichmäßigkeit in die Verse bringt, sodass Kaschnitzs Gedicht geordneter und ruhiger als das von Enzensberger wirkt. Außerdem benutzt sie viele Bilder und Metaphern, sieht aber von Symbolen, die Enzensberger gerne verwendet ab. Im allgemeinen benutzt sie freundlichere Farben und Klänge. Ihre Sätze sind immer vollständig, von Satzfetzen nimmt sie Abstand. So gelingt es ihr die Erde als schönes, liebliches und friedliches Pflaster darzustellen. Der Höhepunkt ihres Gedichtes liegt im letzten Vers. Ein Wendepunkt ist nicht zu erkennen. Wie die beiden letzten Zeilen zu interpretieren sind bleibt offen. Fest steht jedoch, dass sich ihr "Schatten der Wolke" nicht so gefährlich und bedrohend anhört wie Enzensbergers "letztes Manöver".

* entnommen vom Hanser Autorenarchiv
** entnommen von Hoppe und Mastalerz, the Celtic Kraft Company
*** entnommen biographisch bibliographischem Kirchenlexikon

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5 / 5 Sternen (2 Bewertungen)
  • Autor: Nicht angegeben
  • Fach: Deutsch
  • Stufe: Keine Angabe
  • Erstellt: 2014
  • Note: Ohne Wertung
  • Aktualisiert: 25.06.16

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