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Die Verwandlung - Inhaltsangabe und Interpretation

Inhaltsverzeichnis

Franz Kafkas Werke sind vielfach und vielfältig interpretiert worden. Franz Kafkas DIE VERWANDLUNG wird folgend analysiert mit allem drum und dran wie charakterisierung, Inhaltsangabe etc.. los gehts:

An einer Interpretation zu seiner Erzählung „Die Verwandlung“ möchte ich mich nun auch versuchen.
Der mir vorliegende Text wurde noch zu Kafkas Lebzeiten (1916) gedruckt. Erstmals erschien er 1915 als Doppelband in der Reihe „Der Jüngste Tag“ im Verlag von Kurt Wolff. Ich nutze als Grundlage für meine Interpretation das Heft 187 aus der Reihe der Hamburger Lesehefte.

Kafka erzählt darin den Werdegang eines jungen Reisenden, der sich während eines Aufenthalts in seinem Elternhaus eines Morgens zu einem Käfer verwandelt vorfindet. Dadurch wechselt er von der Rolle des wichtigen und geschätzten Ernährers der Familie in die des verachteten und gedemütigten Ungeziefers.
Mich hat im Handlungsverlauf besonders die Wandlung der Beziehungen innerhalb des die Hauptperson umgebenden Personenkreises interessiert. Ich möchte meinen Interpretationsversuch deshalb nach dem Prinzip der Psychoanalytik aufbauen.

Ich werde mich mit der Rolle der Hauptperson Gregor Samsa im Hinblick auf die Abhängigkeitsverhältnisse innerhalb der Familie auseinander setzen. Am wichtigsten sind mir weiterhin die Personen Vater und Schwester.
Zuletzt will ich mich noch mit der Frage beschäftigen, warum Kafka ausgerechnet den Käfer als neue Gestalt Gregors benutzt.

Die Familiengeschichte, oder besser deren Schicksal, soll mir als Ansatzpunkt für meine Sichtweise auf ihn dienen. 

Gregor Samsa ist der älteste und einzige Sohn der Familie Samsa. Ich vermute, dass er etwa 20 Jahre alt ist, da von seiner Schwester Grete auf Seite 26 in Zeile 22 gesagt wird, dass sie 17 ist.
Der Vater hatte bis vor fünf Jahren ein eigenes Geschäft, das dann aber Konkurs ging und dabei viele Schulden verursacht zu haben scheint.
Über seine Mutter erfährt der Leser in dieser Hinsicht nichts weiter. 

Auf den Seiten 24 und 25 wird die Rolle Gregors in der Familie und der Grund für das Übernehmen derselben von Kafka berichtet. Die Familie sei durch den Konkurs des Geschäftes in einem Zustand der Hoffnungslosigkeit gewesen.
Diese Perspektivlosigkeit und Desillusionierung, welche die Eltern ergriffen haben muss, als ihnen ihre Lebensgrundlage scheinbar plötzlich entzogen wurde, muss den jungen Gregor sehr geprägt haben.
Gerade der Vater, damals noch in der Rolle des Hausherrn und Ernährers der Familie, scheint sich danach völlig aufgegeben zu haben. Auf Seite 26 wird von ihm berichtet, dass er seit dem Zusammenbruch seines Geschäftes nicht mehr gearbeitet habe. Sein Leben sei vorher voller Mühen gewesen, aber nicht von Erfolg gekrönt. Nun sei er zwar gesund aber alt und schwerfällig, da sich das Fehlen von körperlicher Betätigung auch äußerlich bemerkbar mache (Z. 12–17). Wie er sich in dieser Zeit verhält, stellt Kafka auf den Seiten 33 und 34 dar (Z.42-10).
Gewiss ist der Vater aber vorher das wichtigste Vorbild für seinen heranwachsenden Sohn gewesen und sicher hat dieser ihm Respekt und Bewunderung gezollt, denn er muss ein Geschäftsmann von Format, nicht ohne Stolz, hart arbeitend und Willens sein Bestes und Äußerstes für den Beruf zu geben, gewesen sein. So lernt der Leser ihn jedenfalls im weiteren Verlauf der Geschichte kennen, was ich später noch näher erläutern will.
Dass sein Sohn also in relativ bürgerlichen und gesicherten Verhältnissen aufwuchs, ist deshalb meiner Meinung nach kaum in Frage zustellen.

Nachdem nun der Vater und wohl auch der Rest der Familie in einer derartigen Depression versinkt, dass er zu nichts mehr fähig ist, passiert etwas, was ich meine auch heute noch häufig zu beobachten: Gregor übernimmt die Rolle des Vaters.

Für jedes Kind ist es nicht nur schwer, sondern wohl unerträglich, wenn es sieht, wie seine Eltern leiden, wie sie verzweifelt nach einem Ausweg suchen. Es wird versuchen, ihnen nach Kräften zu helfen, egal ob das heißt besonders brav zu sein, sich besonders anzustrengen oder zu versuchen, alles recht zu machen. Das geschieht aus dem Bestreben heraus, dem Druck, der auf der Familie lastet, zu entgehen oder ihn zumindest zu mindern. Und nicht selten fangen die Kinder an, selbst nach Lösungen für die Probleme zu suchen.

Für den jugendlichen Gregor besteht die Lösung dieses Konflikts in der Übernahme und dem Weiterführen der väterlichen Aufgaben. Er tut dies „... um die Familie das geschäftliche Unglück,..., möglichst schnell vergessen zu lassen.“ (S.24, Z.38-41)

Er beginnt wirklich zu arbeiten und damit meine ich, dass er sich mit seiner ganzen Energie in seine Ausbildung stürzt (S.24, Z.41ff). Kafka schreibt, dass er sich in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit vom einfachen Gehilfen zum selbstständig agierenden und gut verdienenden Reisenden entwickelt hat.

Der Antrieb dazu war aber nicht etwa Freude an der Arbeit oder ein besonderes Talent, sondern lediglich das Bestreben, die alten Familienverhältnisse wiederherzustellen, die Harmonie und Sorglosigkeit, welche er als Kind erlebt zu haben scheint, selbst wiederzubringen. Das wirkt durchaus egoistisch, aber die Liebe zu seinen Eltern wird eine ebenso große Rolle gespielt haben.

Dass ihn das Staunen und die Anerkennung der Familie auf das Geleistete stolz sein lässt und ihn damit in seiner Rolle bestätigt, belohnt ihn vorerst genug. Doch dann wird es, wie auf Seite 25 (Z.4-11) beschrieben, für die Familie oder zumindest Vater und Mutter zur Gewohnheit, durch ihren Sohn versorgt zu werden. Sie seien zwar immer noch dankbar, doch Kafka lässt beim Leser den Eindruck entstehen, dass sich Gregor etwas ausgenutzt fühlt. Daraus ergibt sich ein sehr spezielles Verhältnis zu seinen Eltern.

Einerseits ist es für Gregor Selbstbestätigung und Grundlage seines Selbstwertes, dass er für sie Verantwortung übernimmt. Andererseits schafft ihre Gleichmütigkeit und geringere Wertschätzung seiner Bemühungen eine Distanz, die für Gregor die Rückkehr in seine Rolle als ihr Kind unmöglich macht, regelrecht verbaut.
Ich will nicht ausschließen, dass Gregor sie deswegen geringer schätzt, vielleicht sogar verachtet. Jedenfalls traut er ihnen nichts mehr zu, was die Passagen auf Seite 25/ 26 (Z.43-2;12-21) deutlich zeigen. Dies bestätigt auch die auf Seite 17 dargestellte Situation, in der Gregor seinen Eltern abspricht, vorausdenken zu können.
Wichtig ist bei Kafka, dass dieser Rollentausch von Vater und Sohn vollständig geschehen ist und auch nicht wieder auf „normalem“ Weg rückgängig gemacht wird.

Um die Familie und speziell den Vater aus dieser tiefen Depression und der sich anschließenden Gewohnheit zu reißen, bedarf es einer tiefgreifenden Wandlung, einer neuerlichen Erschütterung. Deshalb muss sich Gregor in ein Tier verwandeln.

Doch nun zu Gregor, wie er vor seiner Verwandlung gewesen sein mag.
Dass er seine Arbeit nicht besonders liebt, wird von Kafka schon ganz am Anfang klargestellt. Auf Seite 5 in den Zeilen 34 bis 41 lässt er Gregor selbstmitleidig über seinen Beruf nachdenken. Wie früher das Leben des Vaters, so wird auch sein Leben nun von „Plagen“ und „Sorgen“ bestimmt. „Der Teufel soll das alles holen!“, ist Gregors Fazit.
Auf Seite 6 in Zeile13 und 21 wird noch einmal deutlich, dass er nur der Eltern wegen als reisender Tuchvertreter arbeitet. Ihre Schulden, die sie bei seinem Chef haben, will er so abbezahlen.

Auf seinen Chef scheint Gregor gar nicht gut zu sprechen zu sein. Er empfindet ihn als ungeheuren Druck, als eine Gefahr, die ihm ständig im Nacken sitzt (S.6 Z.10-11; 16-19). So fiebere er dem Augenblick entgegen, wo die finanzielle Schuld beglichen sei und er seiner angestauten Wut endlich freien Lauf lassen, dem Chef die Meinung sagen könne.
Bei Gregor Samsa zeigt sich eine Persönlichkeit, die sehr zweigeteilt ist.

Nach außen hin wird er von seiner Mutter als hartnäckig (S.11 Z.23) beschrieben, was sich nicht nur im privaten Bereich zeigt. Der Prokurist bezeichnet ihn auf Seite 12 als einen „ruhigen, vernünftigen Menschen“ und auch die Tatsache, dass Gregor noch nie krank gewesen sei (S.6 Z.41-43) lässt ihn als zielgerichtet arbeitende und gewissenhafte Person erscheinen. Bestätigt wird dies auch wiederum durch seine Mutter, die auf Seite 11 beschreibt, wie ihr Sohn seine Freizeit verbringt. Immerfort sei er mit seiner Arbeit beschäftigt, würde nicht ausgehen, sondern höchstens Zeitung lesen.

Vorsicht, die man als Reisender wohl üben muss, scheint ein weiterer, vielleicht aber auch erst durch den Beruf erworbener Wesenszug von Gregor zu sein. Denn seine Zimmertüren schließt er auch ab, wenn er zu Hause ist. Vielleicht kann dies auch als letzter Rettungsversuch eines Minimums an Privatsphäre gesehen werden.
Nach innen wird Gregor dagegen von Angst und Unsicherheit gequält. Er braucht Lob und Bestätigung von anderen.
Hier zeigt sich, dass Gregor doch noch recht jung ist, dass seine Persönlichkeit noch nicht so gefestigt ist. Besonders deutlich wird dies in der Situation, als Gregor versucht, die Tür seines Zimmers zu öffnen (S. 14 Z. 36-42).
Seine Angst kommt in seinen beschwörenden, an den Prokuristen gerichteten Reden zum Ausdruck. Mit allen Mitteln der Logik und Schmeichelei versucht er sein Fernbleiben von der Arbeit zu entschuldigen, zu rechtfertigen und an dessen Mitleid zu appellieren.

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Im Prinzip hat Kafka hier einen verkappten Rebell erschaffen, einen Angepassten, der zwar in Gedanken den Aufstand probt, aber letztlich doch vor seiner Angst, dass sein Lebensinhalt in Gefahr geraten könne, kapituliert.
Kafka schildert aber auch noch zwei andere Seiten seiner Hauptperson.
Da ist zum einen der Leutnant Gregor Samsa (S.15/16). Er findet nur in Form einer Fotografie Erwähnung. Sie zeigt den Gregor, der von seinen Eltern gern gesehen wird: „sorglos lächelnd, Respekt für seine Haltung und Uniform“ verlangend. Mit anderen Worten: der Stolz seiner Familie, das Vorzeigeexemplar eines erfolgreichen jungen Mannes, in Strenge und Respekt erzogen. Deshalb hängt die Fotografie auch im Wohnzimmer.
Zum anderen ist da aber auch ein kreativer Teil in Gregor. Die Mutter redet davon, dass er zum Entspannen Laubsägearbeiten anfertigt, die, und ich will mich hier auf ihr Urteil verlassen, sehr hübsch anzusehen seien (S.11 Z.17-20).

Diese künstlerische Seite wird auch deutlich, wenn Kafka ganz zu Anfang von dem Bild der Dame schreibt, welches in dem vorhin erwähnten Rahmen in Gregors Zimmer hängt. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass es ein Teil seiner Persönlichkeit ist, den er nur vorsichtig Preis geben will. Denn, wie schon gesagt schließt er sein Zimmer ab.
Dieser Gregor Samsa wird also selbst zum Künstler.

Von diesem inneren Bedürfnis leitet sich eine andere, allerdings wieder für seine Umgebung bestimmte Idee ab.
Er sieht sich auch als Mäzen oder besser: er würde sich gern als eben dieser sehen.
Hier liegt auch ein Schwerpunkt in der Beziehung zu seiner Schwester. Sein Plan, ihr den Besuch des Konservatoriums zu ermöglichen, hat in seinem Kopf schon feste Formen angenommen (S.25 Z.11-22).

Ihr dies möglich zu machen, wäre meiner Meinung nach ein wichtiger Prozess in Gregors Persönlichkeitsbildung gewesen, denn er hätte sich damit dem Willen der Eltern widersetzt.
Sein Ziel wäre gewesen, ihr ein möglichst angenehmes und ihr Talent unterstützendes und ausbildendes Leben zu bieten, während die jetzige Situation (S.26 Z.21-26) seinen Eltern schon ein Ärgernis war (S.28 Z.13-15).
Die Schwester ist für Gregor eine sehr wichtige Person. (S.25 Z.11: „Nur die Schwester war ihm noch geblieben...“). Es hat den Anschein, dass er ihr sein Schicksal möglichst ersparen will, was für ihn als den älteren Bruder wohl auch selbstverständlich ist. Die Geschwister stehen sich damit besonders nahe.

Die Schwester ist diejenige, der er auch noch am meisten zutraut, die er für klug hält (S.17 Z.20).
Ich denke, dass Gregor an seiner Schwester verwirklichen möchte, was er sich selbst am meisten wünscht. Er sieht keinen Ausweg aus seiner momentanen Rolle, aber er scheint zu glauben, dass der Stolz, den er zu fühlen erhofft, wenn er seine Idee verwirklicht, seine eigenen Wünsche in irgendeiner Weise befriedigt. Und zwar ähnlich wie der Stolz, der ihn erfüllt, wenn er sieht, welch ein angenehmes Leben er doch seiner Familie geschaffen hat (S.20 Z.32-34).

Doch warum muss es bei Kafka überhaupt zu einer Veränderung dieser Verhältnisse kommen?
Ich denke, dass niemand in dem Zustand, den Gregor für sich gewählt hat, sein Leben lang überleben kann. Dazu ist der Mensch aus meiner Sicht zu egoistisch veranlagt. Irgendwann lassen sich die eigenen Wünsche nicht mehr nur durch Stolz befriedigen und irgendwann wird sich jeder fragen, und meiner Meinung nach auch fragen müssen, was er in seinem Leben für sich getan hat. Tut er das nicht, so wird er daran kaputtgehen, weil er sich selbst damit aufgibt und seine eigene Persönlichkeit verleugnet.

Ist der Mensch aber einmal an diesem Punkt angelangt, so wird er sich zwangsweise ändern oder wandeln, weil er diese Erkenntnis nicht länger leugnen kann.
Das aus einer Änderung bzw. Wandlung aber eine Verwandlung und noch dazu eine unbewusste wird, ist die Besonderheit bei Kafkas Erzählung. Das ist extrem, aber dafür ist Kafka auch bekannt.

Betrachten muss ich all dies aus Gregor Samsas bisherigem Leben:
das mehr oder weniger erzwungene Aufgeben der Kindheit und Jugend,
seine offensichtliche Einsamkeit, egal ob durch den Beruf, seinen Charakter oder eigenes Verschulden hervorgerufen,
und die damit verbundene Zweiteilung seiner Persönlichkeit, seine Wünsche und Vorstellungen und seine Strategien, die ihm den Erhalt seiner Stellung garantieren sollen.

Für mich wird hier begreiflich, warum Kafka eine Tiergestalt und insbesondere die des Käfers wählt. 
Dass Gregor Samsa zum Tier wird, zeigt, dass er sich danach sehnt, die von ihm zwar freiwillig übernommene, aber ihm sein Leben verbauende Verantwortung wieder loszuwerden.

Ein Tier und insbesondere ein Haustier wird schließlich versorgt. Es hat keinen dienlichen Zweck, sondern wird als Freund des Menschen gehalten.
Vielleicht erhofft er sich unbewusst die Streicheleinheiten, die ihm so nicht gegeben werden und werden können. Nicht durch die Eltern und auch nicht durch die Schwester, denn er glaubt, dass ihm das nicht genügen kann. Gregor sieht sich schließlich als einzige starke Persönlichkeit in der Familie.

Aber er wird nicht in einen Hund oder eine Katze verwandelt, sondern in einen Käfer,
einen Käfer, der einen Panzer besitzt, der sechs schnelle, wenn auch dünne Beine hat, der anpassungsfähig ist, der ein Einzelgänger und letztlich ein Symbol für Weisheit (1) ist.
Ein Panzer schützt, er verschließt das Innere sicher, sicherer als dies zwei abgeschlossene Türen oder das auf die Gedanken beschränkte Vorhandensein von Wünschen je könnten. Gemeinschaft sucht er nicht unbedingt. Erinnert dies nicht an den Reisenden?

Gleichzeitig ist er nicht nur sichtbar, sondern auch fühlbar hart. Das ermöglicht Sorglosigkeit bis zu einem bestimmten Grad und wirkt wie eine „Uniform“. Ähnelt dies nicht dem „Leutnant“?
Die vielen Beine erlauben dagegen zu flüchten, etwas, was eine gewisse Person sehr gern tun würde, weil sie den Druck des Zerquetschen zum Beispiel durch den Vorgesetzten fürchtet. Sie ermöglichen aber auch das Kriechen, unterwürfige Gesten, welche die eigene Haut retten sollen.

Anpassung und Genügsamkeit sind zwei seiner Tugenden. Damit kann er als „pflegeleicht“ beschrieben werden, auch wenn er die Position eines Haustieres hat.
Meiner Meinung nach ist das die Rolle, die sich Gregor Samsa unbewusst wünscht. Also lässt Kafka ihn in dieser Form erscheinen.
Doch seine Umgebung reagiert nach seiner Verwandlung ganz anders auf Gregor, als er es vielleicht erwartet hat.
Trotzdem gewinnt der Leser nirgends in Kafkas Werk den Eindruck, dass er die Verwandlung in Frage stellt, oder gar bereut.
Eher drängt sich die Empfindung auf, dass Gregor die Reaktionen verstehen und nachvollziehen kann, dass sie unumgänglich und notwendig sind.

Hier zeigt sich meiner Meinung nach die „Weisheit“, die der Käfer symbolisiert.
Die Familie kann nur in einen Normalzustand zurück gelangen, wenn Gregor seinen Anspruch auf die Position des Familienoberhauptes und des Versorgers aufgibt. Das wiederum ist nur möglich, wenn er entweder stirbt oder eine nichtmenschliche Gestalt annimmt. Nur durch einen erneuten Schock kann der Schockzustand, der zur Gewohnheit wurde, erschüttert und damit in Bewegung versetzt werden. Die Karten können nun einmal nur dann neu gemischt werden, wenn ein Spiel beendet wurde. In diesem Fall beendet durch das Herunterfallen der Karten bzw. das Tierwerden eines Menschen.

Gregor muss sich dessen gar nicht bewusst sein. Das ist die Spiegelung des Extremen, gewissermaßen eine Übertreibung. Aber ich denke, dass dies der Puls in Kafkas Texten ist, der sie erst lebendig, interessant und bemerkenswert macht.
Auf jeden Fall wird das „Ziel“ erreicht, das meiner Meinung nach der Sinn der Verwandlung ist.
Die Familie wird gezwungen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
Doch wie schon gesagt war Gregors Fürsorge vielleicht zu groß, zu radikal oder er hat seine Familie zu sehr unterschätzt.
Der Vater reagiert regelrecht aggressiv auf ihn (S.18/19 Z.41-43, 30-31;S.35 Z. 5-12). Nachdem er wieder selbst „die Fäden in die Hand nehmen“ musste, hat er ein ganz neues Selbstbewusstsein entwickelt.
Seine neue Aufgabe, die Arbeit bei einer Bank, nimmt er so wichtig, dass er seine Uniform kaum ablegen will (S.36 Z. 19-20).
Er geht wieder ganz darin auf und nimmt seine Rolle als Beschützer seiner Frau und Tochter gegenüber dem „Untier“ Gregor neu wahr. Im Prinzip hat er seine alten Tugenden, die Züge des Geschäftsmannes wiederentdeckt. Dies zeigt sich besonders gut in seinem Verhalten gegenüber den Zimmerherren.
Doch damit wird nun Gregor nutzlos. Die Mutter und die Schwester haben auch begonnen zu arbeiten, so dass es für den Lebensunterhalt reicht (S.36 Z. 11-15).

Gregor wird mehr und mehr zur Last der Familie und besonders der Schwester.
Sie ist es, die ihn versorgt, sein Zimmer zunächst in Ordnung hält, ganz auf die praktischste Lösung für ihn erpicht die Möbel zur Seite stellen will, damit er genug Platz zum Kriechen hat.
Gleichzeitig degradiert sie ihren Bruder hiermit wirklich zum Tier und kann letztendlich nichts mehr von seinem ursprünglichen Wesen erkennen.
Das liegt sicher auch an der Entwicklung, die sie durchmacht, und die der Gregors nach dem Zusammenbruch des elterlichen Geschäftes ähnelt.

Sie übernimmt schließlich völlig unerfahren eine so schwierige Aufgabe wie die Pflege eines riesenhaften Ungeziefers, um die Situation ihren Eltern leichter zu machen und ihnen wenigstens diese Sorge abzunehmen. Das hilft ihr wiederum, in ihre Persönlichkeit zu finden und gibt ihr eine sehr reale Bestimmung.
Der Schmerz über den Verlust ihres Traumes, der ja durch ihren Bruder, der so lebhaftes Interesse an der Idee ihrer Musikausbildung gezeigt hat, hätte Wirklichkeit werden können, ist sicher auch ein Grund für die zunehmende Entfremdung.

So ist sie letztlich diejenige, die das Extreme fordert: „Weg muss es...“ (S.45 Z.33). Und Kafka tut ihr den Gefallen, denn er hat die Erzählung extrem begonnen, jetzt muss er sie auch extrem beenden, damit sich der Kreis wieder schließt. Um die Familie vollständig zu rehabilitieren, muss der Käfer sterben.
Damit ist Gregors Verwandlung das Mittel zum Zweck. Und dieser Zweck ist, Menschen in ihre Bestimmung zu bringen, die sie vorher verleugnen. Dabei geht es nicht nur darum, dass sie anfangen, ihre Begabungen zu nutzen, sondern vor allem darum, das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen meistern zu lernen.

Mir ist klar, dass mein Versuch einer Interpretation noch nicht genug durchdacht und belegt ist. Es sind lediglich Überlegungen, die ich während und im Anschluss an die Lektüre dieser Erzählung geführt habe. Für mich sind sie deshalb logisch und entsprechen meinen Vor- und Einstellungen.

Quellen:

Franz Kafka „Die Verwandlung“; Hamburger Lesehefte Verlag; 187.Heft
Wolfgang Hütt „Der Drachentöter im Paradiesgärtlein“; Der Kinderbuchverlag Berlin; S.74

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4.2 / 5 Sternen (31 Bewertungen)
  • Autor: Nicht angegeben
  • Fach: Deutsch
  • Stufe: 11. Klasse
  • Erstellt: 2001
  • Note: 2+
  • Aktualisiert: 11.07.16

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