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Gedichtinterpretation "An das Baby" von Kurt Tucholsky

Inhaltsverzeichnis

Hier findet ihr eine Gedichtinterpretation "an das baby" von Kurt Tucholsky vor. Diese Gedichtanalyse ist sehr umfangreich und eignet sich dazu hervorragend zum Interpretieren des Gedichts.

Kurt Tucholsky bringt in seinem Gedicht „An das Baby“, welches er 1931 verfasste, die eigene Wahrheit, die jeder auf Grund verschiedener Sichtweisen erlangt zum Ausdruck.

Das Gedicht weist in seiner äußeren Form besondere Merkmale auf. Es ist in zwei Strophen mit je zwölf Zeilen geschrieben, wobei hier die eingerückten Zeilen besonders auffallen. Jeweils die ersten vier Zeilen einer Strophe sind im Kreuzreim, die anderen im Paarreim geschrieben. Auch lassen sich Zeilensprünge und als Versmaß der Trochäus ausmachen. Sprachlich ist das Gedicht durch die Umgangssprache und Babysprache gekennzeichnet. Weiterhin befinden sich im Gedicht einige rhetorischen Figuren, wie zum Beispiel die Alliteration in Zeile drei oder die Metapher in Zeile neunzehn.

In den ersten vier Zeilen des Gedichtes werden all die Personen aufgezählt, die am Geschehen in der ersten Strophe teilnehmen. Die halbe Familie wuselt um das Baby herum. Von Zeile fünf bis Zeile acht werden die Tätigkeiten derer beschrieben, die sich um das Baby zusammengefunden haben. Mit einem Schlüsselbund und einem quietschendem Gummihund versuchen diese Personen das Baby zu erreichen. Sie wollen seine Aufmerksamkeit und ein schönes Lächeln aus dem Baby hervorbringen. Ausrufe wie „lach mal“, „Guck“ und „eiala“ prasseln auf das Kind ein. Doch wie in den Zeilen neun bis elf beschrieben fängt das Baby nicht an zu lachen, sondern schaut sich nur um und lässt dem „Gehampel“ um sich herum seinen lauf. Und schließlich folgt in Zeile 12 die Reaktion des Babys. Er beginnt zu weinen.

Die zweite Strophe hat einen identischen Aufbau. In den ersten vier Zeilen der zweiten Strophe, Zeile dreizehn bis sechzehn, werden ebenfalls die Objekte und Personen aufgezählt, die sich später um ihm befinden. Nun ist es das ganze Land mit Kirche, Ministerium, Fahnen und seinen Bürgern. In den Zeilen siebzehn bis zwanzig werden wiederum die Tätigkeiten und das Verhalten der Personen geschildert, welche in der zweiten Strophe erwähnt werden, nämlich das jeder nur auf sein Land achtet und jeder genau weiß was die Wahrheit ist, obwohl sie nicht anderes um sich herum wahrnehmen. In den darauffolgenden Zeilen einundzwanzig bis dreiundzwanzig schaut sich der nun erwachsene Mann die Gesellschaft an und in der letzten Zeile der zweiten Strophe, welche auch gleichzeitig die letzte Zeile des Gedichtes ist, folgt wiederum die Reaktion des Mannes. Er beginnt zu lachen.

Die Aufzählung, welche in den Zeilen eins bis vier vorkommt, verdeutlicht die eingeschränkte Sichtweise des Babys und zu gleich stellt sie klar das „Gewusel“ heraus. Einzig die dritte Zeile sorgt für Irritation des Babys, denn alles andere bewegt sich, nur dieser „Kasten, schwarz und stumm“ steht regungslos da. Was durch eine Alliteration von schwarz und stumm und gleichzeitig durch eine Personifikation des Photoaperrates verdeutlicht wird. Die Personifikation des „fröhlichen Gummihundes“ in Zeile sechs sowie das wackeln des Schlüsselbundes veranschaulicht zum einem die Bemühungen und zum andern die heitere Stimmung der Familie. Die Widerholung von „ruft“ in den Zeilen sieben und acht bewirkt noch einmal ein herausheben der fröhlichen Atmosphäre die das Baby umgibt. Zugleich sind diese Ausrufe ein Zeichen von Hektik. Die Zeile neun wird schon zu Beginn mit einer Antithese gekennzeichnet, worauf das „Aber“ am Zeilenanfang hin weist. Das Baby, welches jetzt eigentlich fröhlich lachen sollte, durch den ganzen Aufwand der dafür getrieben worden ist, bleibt jedoch stumm und schaut sich um. Dann folgt in Zeile zwölf eine Reaktion des Babys mit der keiner rechnet, weder die Personen, die in den vorangegangenen Zeilen eine Rolle spielen, noch der Leser. Das Baby beginnt zu weinen.

Dieses Weinen steht im Gegensatz zu dem was man erwarten würde. Die Zeile zwölf besteht nur aus diesem einem Wort „Weinste“, und ist zudem noch eingerückt, so hebt es sich von dem Rest der ersten Strophe noch mehr ab, als die bereits erwähnten eingerückten Zeilen fünf bis acht. Durch das „Später“ zu Begin der zweiten Strophe, Zeile 13, wird der Leser daraufhin gewiesen, dass ein gewisser Zeitraum vergangen ist. Die Akkumulation in den Zeilen dreizehn bis sechszehn verdeutlichen, dass sich die Sichtweise des ehemaligen Babys vergrößert hat. Er sieht jetzt nicht nur seine Familie, sondern ist in der Lage durch sein Erwachsen Dasein viel mehr zu überblicken und viel mehr von der Welt um sich herum wahrzunehmen. Doch ist diese Akkumulation auch ein Gegensatz zu der in der ersten Strophe (Z. 1 - 4). Denn dort war die Rede von zumeist fröhlichen Artgenossen. Hier wird bereits durch die Änderung des Sprachstils vom eher lieben und Babyhaften auf eine eher gehobene Ebene gewechselt. Was durch die Wortwahl von Welschen und Germanen veranschaulicht wird. Zugleich verbindet man mit den genannten Objekten viel negative Begriffe, wie den Nationalismus, den Militarismus und eine Form von steriler, starrer Politik. Somit werden die zum Teil witzigen Begrifflichkeiten, wie „Tante Putti“ in den Schatten gestellt. In den Zeilen siebzehn bis zwanzig wird veranschaulicht, wie sehr die Menschen auf sich und ihrem eigen fixiert sind. Formulierungen wie "start" und "unverwandt" verdeutlichen die Situation und die Denkweise, dazu noch die Wiederholung von „Jeder“ in den Zeilen siebzehn und neunzehn und man kann sich die Starrheit der Menschen Bildlich vorstellen. Diese Zeilen wirken Gegensätzlich zu den Zeilen fünf bis acht, wo viele Menschen ihre Aufmerksamkeit auf einen anderen Menschen richten.

Dann zu Beginn der einundzwanzigstens Zeile die Anapher. Und wieder, wie bereits in den Zeilen neun bis elf, schaut der nun erwachsene Mann sich die Gesellschaft an. Auch hier folgt, wie bereits am Ende der ersten Strophe, eine Reaktion des Mannes mit der niemand rechnet (Z. 24). Er beginnt zu lachen. Und wieder steht das Wort „Lachste“ allein und eingerückt in der letzen Zeile. Nach den Aussagen der beiden Strophe zu Urteilen, empfindet man die erste zu der zweiten Gegensätzlich. Doch wenn man sich die äußere Form betrachtet und auf die Intention des Autors spekuliert, sind sie in ihrem Aufbau und ihrer Struktur absolut identisch. Das „Lachste“ steht Parallel unter dem „Weinste“, nichts befindet sich dazwischen auch kein Zeilenende. Diese beiden Worte nehmen auf Grund ihrer Anordnung eine gesonderte Stellung ein, sie erregen die Aufmerksamkeit des Lesers. Dann die eingerückten Zeilen, die man jeweils an den selben Stellen der beiden Strophen wiederfindet. Somit könnte man die erste Strophe als Schablone für die zweite verwenden, wie umgekehrt. Daraus lässt sich schließen, dass der eigentliche Gegensatz, der zwischen den beiden Strophen vorherrscht, gar kein Gegensatz ist, denn er lässt sich durch die Parallelen, die man ziehen kann, wieder aufheben. Somit könnte man eher auf einen Vergleich folgern. Auch die Wiederholungen, der fast identischen Formulierung an den Enden der beiden Strophen lassen darauf schließen.

Kurt Tucholsky verbindet durch eine ganz geschickte Art und Weise die im Gedicht aufgezeigten Gegensätze miteinander. Er stellt zwei Sichtweisen gegenüber, die einem zuerst absolut Gegensätzlich vorkommen. Doch erscheint es mir eher als eine Entwicklung, so wie sich das Baby zum erwachsenen Mann entwickelt hat, so hat sich auch die Sichtweise entwickelt. In der ersten Strophe weint das Kind, weil es die Situation anders aufgenommen hat als all die Menschen um ihm herum. Hier wird die andere Sichtweise verdeutlicht, denn für das Baby war diese Situation nicht witzig und fröhlich, es hatte eine andere Wahrheit erkannt als die Menschen um ihn herum. In der zweiten Strophe lacht der Erwachsene, weil er erkannt hat, dass die in Strophe zwei dargestellte Situation, eigentlich absolut lächerlich ist. Somit setz der Autor das „Gezeter“ welches getrieben wird um ein Baby zum lachen zu bringen, mit der Starrheit in der zweiten Strophe gleich. Der Autor will mit diesem Gedicht den Leser zum Nachdenken animieren. Zugleich fordert er den Lesern auf, seine eigene Wahrheit zu finden, den Kopf zu heben und sich umzuschauen. Man soll das, was um einen herum passiert wahrnehmen und in sich aufnehmen. Bezogen auf den Geschichtlichen Hintergrund möchte Kurt Tucholsky vielleicht auf die Wahrheit des Nationalsozialismus hinweisen. Die Menschen sollen sich Gedanken zu ihrer Situation machen und somit die Wahrheit erkennen.

Gedicht "An das Baby" von Kurt Tucholsky

Alle stehn um dich herum:
Fotograf und Mutti
und ein Kasten, schwarz und stumm,
Felix, Tante Putti...
Sie wackeln mit dem Schlüsselbund,
fröhlich quietscht ein Gummihund.
"Baby, lach mal!" ruft Mama.
„Guck“, ruft Tante, „eiala!“
Aber du mein kleiner Mann,
siehst dir die Gesellschaft an...
Na, und dann--was meinste?

Weinste.

Später stehn um dich herum
Vaterland und Fahnen;
Kirche, Ministerium,
Welsche und Germanen.
Jeder stiert nur unverwandt
auf das eigne kleine Land.
Jeder kräht auf seinem Mist,
weiß genau, was Wahrheit ist.
Aber du, mein guter Mann,
siehst dir die Gesellschaft an...
Na, und dann--was machste?

Lachste.

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4.5 / 5 Sternen (6 Bewertungen)
  • Autor: Nicht angegeben
  • Fach: Deutsch
  • Stufe: 13. Klasse
  • Erstellt: 2013
  • Note: 1-
  • Aktualisiert: 01.12.16

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