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Gedichtinterpretation "Auf der Terrasse von Cafe Josty" (Paul Boldt)

Inhaltsverzeichnis

Paul Boldt: Café Josty Gedichtinterpretation respektive Gedichtanalyse "Auf der Terrasse von Cafe Josty" von
Paul Boldt.

In dem expressionistische Gedicht "Auf der Terrasse von Cafe Josty" von Paul Boldt wird die Stadt Berlin aus Sicht des lyrischen Ichs dargestellt. Wie schon in dem Gedichtsnamen zu erkennen ist, befindet sich der Erzähler in einem Cafe in der Innenstadt Berlins von welcher aus das Geschehen rund herum beobachtet werden kann.
Beim ersten Lesen erhält man den Eindruck, als würden die einzelnen Verse nicht zueinander passen. Es scheinen immer wieder neue Themen aufgefasst zu werden. Wird in dem einem Vers noch von dem Gebrüll der Menschen auf einen Platz (Z. 1) gesprochen, wird im nächsten Part eine „hallenden Lawine“ (Z. 2) erwähnt. Besonders in der ersten Strophe ist dies auffällig. In den folgenden Gedichtsabschnitten wiederum scheint eine Struktur vorzuliegen und die Sätze miteinander in Verbindung zu stehen.

Das Gedicht ist wie ein Spannungsbogen aufgebaut: am Anfang scheint alles normal zu sein, so wie jeder das Treiben in einer Großstadt kennt. Doch nach und nach ist zu erkennen, welcher Fluch auf der Stadt liegt. Somit nimmt das Gedicht einen unerwarteten Verlauf und ein schockierendes Ende.
Auffallend sind außerdem die immer wieder aufkehrenden Änderungen zwischen „Gut und Böse“: so wird in Zeile 8 in einem Vers das „Sonnenlicht“ und der „dunkle Wald“ und in Zeile 11 die „Qualle“ und die „bunten Öle“ erwähnt. Es liegt also ein permanenter Widerspruch vor, welche das Hin und Her gerissene Gedankengut des expressionistischen Ichs zwischen der Stadtliebe und –hass darstellt.
Das Gedicht ist ein Sonett und setzt sich aus vier Strophen zusammen. Die ersten zwei Strophen bestehen dabei aus je vier Takten, die dritte und vierte dagegen aus nur drei. Strophe eins bis drei sind umarmende Reime, Strophe vier jedoch ein Paarreim.

Das gesamte Werk besteht aus Aussagen. Es werden schlicht Dinge erzählt, die das lyrische Ich sieht. Es werden keine Fragen gestellt oder Vermutungen vorgebracht, sondern nur Erkenntnisse genannt. Dadurch wird erreicht, dass der Leser das Gesagte als Wahrheit hinnimmt und nichts hinterfragt. Das Gelesene wird als Wahrheit angesehen und angenommen.
Auffällig ist außerdem, das zum Großteil nur Nomen verwendet werden. (s.h. Z. 1: der Potsdamer Platz in ewigem Gebrüll; Z. 3: Der Straßentrakte: Trams und Eisenschienden). Dies sind alles Motive aus dem Bereich Natur, Mensch und Technik, welche vorlaufend in dem Gedicht wiederkehren. Dadurch entsteht eine Rückerbindung zu den einzelnen Strophen und eine Struktur ist zu erkennen.
In der ersten Strophe tritt das lyrische Ich als Beobachter auf. Es schaut von Weitem auf das Geschehen in der Stadt und beschreibt aus einer entfernte Sicht die gewonnenen Eindrücke. Es herrscht also eine Distanz zu dem Stadttreiben.

Auffallend ist das Wort „Menschenmüll“ (Z. 4), wodurch man einem ersten Eindruck der Meinung des Erzählenden erhält. Womit im eigentlichen Sinne Menschen beschrieben werden, welche wie Müll auf der Straße hausen, wird hier auf den allgemeinen Stadtmenschen geschlossen, was die Abneigung des Verfassers gegen die städtische Gesellschaft zeigt. Durch diese Wortzusammensetzung entsteht also eine Bewertung.
Es werden abwechselnd männliche und weibliche Kadenzen verwendet (Gebrüll männl; Lawine weibl; Eisenschienen weibl.; Menschenmüll mänl.). Dadurch entsteht eine wie hin und her gerissene Atmosphäre. Es herrscht kein Einklang, sondern eine verwirrende Satzreihung.
In Strophe zwei werden die Menschen, welche in der Stadt leben, beobachtet. Das lyrische Ich geht also von der Stadt an sich näher an das Geschehen ran – eine Art Zoomeffekt liegt vor.
Besonders auffallend ist die Wortwahl für den Bewegungsfortgang der Menschen: sie rennen nicht oder gehen, sondern „rinnen“ (Z. 5). Eigentlich assoziieren wir mit dem Wort rinnen Materien wie Dreck, Matsch und Blut, doch nicht Menschen. Matsch und anderer Dreck rinnt nur, wenn es eine passende Rille oder Riss im Boden hat, durch welches in Bewegung geraten kann. Dies zeigt, dass der Mensch fremdgesteuert und nicht selbsthandelnd ist. Die abneigende Haltung des lyrischen Ichs gegenüber den Stadtmenschen ist hier wieder stark zu erkennen.
In Strophe zwei gibt es außerdem noch Vergleiche. Menschen werden als „ameisenemsig, wie Eidechsen flink“ (Z. 6) beschrieben und sie „schwimmen wie Sonnenlicht durch dunklen Wald“ (Z. 8). Im erste Vergleich werden Ameisen und Eidechsen als Darstellungen des menschlichen Seins verwendet. Beides sind schnelle nützliche Tiere, welche jedoch nicht von jedermann gemocht werden. Besonders Ameisen werden schnell zertreten, weil sie uns stören. Die Menschen werden also als hilflose kleine Geschöpfe dargestellt, welche durch eine kleine Unachtsamkeit bereits vernichtet werden können.
Vergleich zwei sagt, dass Sonnenlicht schwimmt, was wiederum eine ungewöhnliche Wortwahl ist. Sonnenlicht scheint, aber schwimmt nicht. Es wird hier wieder (wie auch schon bei Strophe zwei) das Motiv der Natur verwendet. Schwimmen assoziieren wir mit Wasser und nicht mit Sonnenlicht. Es entstehen wieder Rückbezüge zu den voran gegangenen Strophen.
Es werden nur männliche Kadenzen in diesem Teil des Gedichtes verwendet. Somit kommt es zu einer etwas bedrückenden Stimmung und es scheint sich etwas Unheilvolles anzukündigen.
In dem dritten Vers wird Berlin bei Nacht beschrieben. Das lyrische Ich geht hierbei noch näher an das Geschehen ran. Es ist eine Steigerung von einer Strophen zur nächsten zu erkennen – durch den Zoomeffekt erhält man immer genauere Einblicke in das Geschehen und dadurch in das Schreckliche Berlins.
Es werden hier Details wie Regen und Fledermäuse beschrieben. In diesem Abschnitt des Gedichtes kommt es zu Wiedersprüchen. So wird „eine Höhle“ (Z. 9), welche für einen Fluchtort für Lebewesen und als Schutz vor der Außenwelt steht, durch „Fledermäuse“ (Z. 10) und „Quallen“ (Z. 11) zerstört. Dies bedeutet, dass die Natur den Menschen nicht zu retten vermag. Die Qualle ist hier wieder das markante, ungewöhnliche Motiv, welches im Grunde nicht an diese Textstelle passt. Durch sie wird das Verworrene der Welt dargestellt. Die Leitmotive Natur („Höhle“ Z. 9, „Fledermäuse“ Z. 10) und Technik („bunte Öle“ Z. 11) sind wieder vorhanden.
Außerdem wird ein Kontrast eingesetzt: Fledermäuse, die normalerweise dunkel sind, sind hier „weiß“ (Z. 10). Die Natur steht also nicht mehr im Einklang, sondern scheint verdreht und unnatürlich. Auch die „lila Qualle“ (Z. 11) steht im einer Ambivalenz. Lila ist eine schöne Farbe, die Freude und Glück ausstrahlt. Eine Qualle bewirkt bei uns Menschen jedoch Ekel. Farbe und Tier stehen also im Gegensatz zueinander.
Nur weibliche Kadenzen werden eingesetzt, wodurch eine eher ruhige Stimmung entsteht. Doch es hat den Anschein, als wäre dies die Ruhe vor dem Sturm.

Letzter großer Abschnitt der Interpretation "auf der terrasse ..."

In der letzten Strophe wird eine Art Bilanz über die Stadt Berlin bei nacht gezogen und das lyrische Ich kommt zu dem Ergebnis, dass die Stadt krank ist. Besonders deutlich wird dies an dem Vergleich Berlins mit „Eiter einer Pest“ (Z. 14) Die Stadt wird also als eine um sich greifende Krankheit dargestellt, die alles um sich rum verseucht.
Bei Tag wird die Stadt als „des Tages glitzerndes Nest“ (Z. 13) gesehen, doch bei nacht scheint sie ihr Gesicht zu ändern und ein abscheulicher Ort zu werden.
Auch hier sind wieder die Leitmotive zu erkennen. Der „Wagen“ (Z. 12) entspricht der Technik, „Berlin“ (Z. 13) steht für die Stadtmenschen und die „Nacht“ ist das Motiv der Natur.
Es werden wieder abwechselnd männliche und weibliche Kadenzen verwendet (Wagen weibl; Nest männli.; Pest männl.), welches letztendlich noch einmal die Verworrenheit der Menschheit zeigt.
Das Gedicht ist als ein typisches Werk aus dem Expressionismus zu sehen. Besonders das Thema, nämlich eine Großstadt und ihre Einwohner, sind ein immer wieder gern verwendetes Motiv dieser Epoche. So fühlten sich die Expressionisten einerseits dem Stadtleben verbunden (das lyrische Ich befindet sich in einem Cafe in einer Stadt), andererseits aber von ihr abgestoßen (Wörter wie Menschenmüll (Z. 4) und Eiter einer Pest (Z. 14) werden verwendet.).

Ein anderes auffallendes Stilmittel ist die Provokation. Das lyrische Ich sagt direkt, was es sieht, ohne etwas zu verschönern oder zu übersehen. Anstatt eine verherrlichte Form der Stadtbewohner werden diese so beschrieben, wie sie von dem lyrischen Ich gesehen werden („Menschenmüll (Z. 4)).
Das Gedicht ist also als ein typisch expressionistisches Werk anzusehen und beschreibt die Auflehnung und den Schrei nach einer Veränderung unserer Gesellschaft.

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4.5 / 5 Sternen (13 Bewertungen)
  • Autor: Nicht angegeben
  • Fach: Deutsch
  • Stufe: 12. Klasse
  • Erstellt: 2008
  • Note: 2+
  • Aktualisiert: 19.11.16

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