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"Die Todesfuge" Gedichtinterpretation

Inhaltsverzeichnis

Neben einer umfangreichen Analyse und individuellen Interpretation, beinhaltet dieser Artikel auch eine Inhaltsangabe und den Text der "Todesfuge" (Paul Celan).

Gliederung:

1. Einleitung
2. Lebenslauf
3. Gedicht
4. Erster Eindruck
5. Entstehung
6. Analyse
7. Bewertung
8. Wortverzeichnis

1. Einleitung

Paul Celan (eigentlich Paul Antschel) wurde am 23.11.1920 in Czernowitz geboren und starb Ende April 1970 in Paris durch Freitod.
Seine Eltern waren deutschsprachige Juden und er wuchs in Czernowitz (heute: Tschernowtzy*) in dem Gebiet Bukowina auf. Dies war ein Gebiet mit sprachlich kultureller Vielfalt und dessen literarische Tradition bestimmten seine dichterische Entwicklung.

2. Lebenslauf Paul Celan

Er besuchte ein Gymnasium, von dem er jedoch, wegen immer heftiger werdenden Antisemitismus, auf ein anderes wechseln musste. Dann studierte er Medizin in Frankreich. Der Ausbruch des zweiten Weltkriegs verhinderte das Studium, so das er zum Studium der Romanistik* in seinem Heimatort überwechselte.

Nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion ziehen am 5.7.1941 rumänische und deutsche Truppen in die Stadt ein und Paul Celan muss drei Jahre Zwangsarbeit unter rumänischer Aufsicht verrichten. Seine Eltern kommen in entfernten Arbeitslagern um. 1942 stirbt sein Vater an Typhus und die Mutter wird durch Genickschuß ermordet als er 22 Jahre alt ist. Im März 1944 wird Czernowitz wieder sowjetisch.

Es entsteht das Typoskript* 1944 (Gedichte 1938-1944) – eine Sammlung von 93 Gedichten, unter anderem „Die Todesfuge“.
Er studiert Anglistik* und arbeitet als Verlagslektor* und Übersetzer. Er gehört zu dem Kreis der Surrealisten um Gerasin Luca. Paul Celan schreibt in rumänischer Sprache surrealistische Texte und Kafka- Übersetzungen.

Unter dem zunehmenden Druck des Stalinismus* flieht Calan 1947 nach Wien.
Er ist unter anderen auch mit Ingeborg Bachmann befreundet. 1948 verlässt er Österreich und zieht endgültig nach Paris.

In Paris beginnt er das Studium der Germanistik* und Sprachwissenschaft und heiratet. Von 1959 bis zu seinem Freitod ist er Lektor für deutsche Sprache und Literatur.

3. Das Gedicht "Die Todesfuge"

TODESFUGE von Paul Celan

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt nun zum Tanz
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus und spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr anderen singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

4. Erster Eindruck

Ich habe mir mehrere Gedichte angehört und einige ausgewählt, um anschliessend heraus zu bekommen, ob es sich dabei um politische Lyrik handelt. Dies hatte mich deshalb so sehr fasziniert, da es schön klingt aber ganz eindeutig eine schreckliche Aussage haben musste. Diese Leichtigkeit mit dem es das grauen in Verse fasst ist unfassbar. Es läßt den Hörer verstummen. Jedesmal wenn ich das Gedicht erneut gelesen oder gehört habe, vielen mir neue Details auf, die ganz klar auf die Gräultaten der Nazis hinwiesen, wenn man länger darüber nachdachte. Diese permanenten Neuentdeckungen und der Klang scheinen auf eine bestimmte Art süchtig zu machen, deshalb viel es mir nicht schwer viele Texte zu lesen, um neue Denkanstöße zu bekommen und die Antworten auf viele ungeklärte Fragen, die ich im folgenden erläutern werde.

5. Zur Entstehung des Gedichts

Die Todesfuge von Paul Celan entstand Ende 1944/ Anfang 1945 und beschreibt die Judenvernichtung im Nationalsozialismus. Da Paul Celan selber in einem Arbeitslager arbeiten musste, verarbeitet er nicht nur den Tod seiner Eltern, sondern auch seine eigenen Erfahrungen. Die Todesfuge wurde spätestens im April 1945 geschrieben aber sie wurde erst später im Gedichtsband „Mohn und Gedächtnis“ veröffentlicht. Entscheidend ist hierbei, dass es vor der Veröffentlichung eine Diskussion gegeben hat, ob Gedichte nach Ausschwitze überhaupt noch möglich sind, denn die Sprache eines Gedichtes könnte eine Beschönigung der Judenvernichtung bedeuten. Dazu Theodor W. Adorno*: „Das perennierende Leiden hat soviel Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu brüllen, darum mag es falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe sich kein Gedicht mehr schreiben.“

6. Analyse  und Interpretation des Gedichts "Die Todesfuge" (mit Inhaltsangabe)

Das Gedicht kann nie vollkommend verstanden werden, da sich bei jedem erneuten Lesen neue Leseerfahrungen und auffällige Eigenschaften herauskristallisieren. Daher analysiere ich hier nur erste Auffälligkeiten und spezielle Merkmale, mit denen ich mich auseinander gesetzt habe. Um näher auf den Titel einzugehen, muß man verstehen, was das Wort Fuge bedeutet. Dazu ein Auszug aus einem Lexikon:

Fuge*
[italienisch, zu lateinisch fuga, „Flucht“], die höchste und vollkommenste kontrapunktische Kunstform der Musik, das Ergebnis einer sich durch Jahrhunderte erstreckenden Ausbildung des polyphonen und imitierenden Stils; Vorstufen: Kanon und Ricercar. Die eigentliche Fuge entstand erst im Barock. Ihren Höhepunkt erreichte sie bei G. F. Händel und J. S. Bach.
Bei der Fuge wird das Fugenthema (lateinisch dux, „Führer“) zunächst von einer einzelnen Stimme vorgetragen, um darauf von einer zweiten Stimme (lateinisch comes, „Gefährte“) in der Oberquint- oder Unterquarttonart beantwortet zu werden. In gleicher Weise setzen die weiteren Stimmen mit Dux und Comes ein. Hat das Fugenthema alle Stimmen durchlaufen, so ist die 1. Durchführung (Exposition) beendet. Ein Zwischenspiel (Divertissement) leitet dann zur weiteren Durchführung über, bei der ein Wechsel der Stimmeintritte und des Tongeschlechts, rhythmische Vergrößerungen oder Verkleinerungen, Umkehrungen, Engführungen und Orgelpunkte Verwendung finden und damit eine Steigerung erreicht wird, die nach dem Höhepunkt meist in einer Schlußkadenz endet.
Die Fuge mit 2 Themen heißt Doppelfuge, mit 3 Themen Tripelfuge usw. Beispiele: J. S. Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ und „Kunst der Fuge“, P. Hindemiths „Ludus tonalis“.

Eine Fuge ist somit ein musikalisches Gespräch, in dem die Stimmen voreinander fliehen bzw. das Thema von einer Stimme zur anderen flieht. Eine Fuge nimmt somit mehrere Perspektiven ein. Auch Paul Celan nimmt in seinem Gedicht verschiedene Perspektiven ein. Außerdem hatte die Kunst der Fuge in der Nazi- Ideologie eine wichtige Rolle. Die Nazis feierten Bach als größten Künstler aller Zeiten und neben angestrebter Weltherrschaft sollte auch die deutsche Kultur über allem stehen. Bach wurde oft in Kz"'s gespielt. Sie verordneten allen diesen Kunstgenuss, auch wenn die Musiker ihre letzen Kräfte nutzen, um zu überleben. Durch das Wort „Meister“ (Z.28) werden die Künstler und Musiker scheinen entwertet, durch ihr Volk das sie hervorgebracht haben, welche „Meister“ der Vernichtung waren.

Extrem auffallend und tief interpretierbar ist die Periphrase „Schwarze Milch der Frühe“. Sie sagt im ersten Teil des Gedichts schon viel über dieses aus. Für jemanden, der nicht über das ausreichende Wissen der jüdischen Tradition verfügt (z.B. Ich) entsteht nur eine Unstimmigkeit im Oxymoron* zwischen der Milch, die eigentlich eher eine positive Bedeutung hat (wegen: Muttermilch, so rein wie Milch oder Milch der Weisheit usw.), und die Farbe des Todes, der hier anscheinend die Milch verdorben hat. Beachtet man die jüdischen Wurzeln, kommt unter anderem die Interpretationsmöglichkeit in Frage, die sich auf sich auf ein jüdisches Sprichwort stützt, welches besagt: selbst wenn alle Menschen in Unglück leben – badet Mordechai Meisel noch in der weißen Milch der Frühe. Mordechai Meisel steht hier für den vollkommenen Glückspilz. Dieses würde erklären, dass „schwarze Milch der Frühe“ eine vollkommene Hoffnungslosigkeit bedeuten würde.
Durch das „Wir“ wirken die Opfer schon fast tot und entpersonifiziert, sie scheinen schreien zu wollen mit emotionaler Stärke, doch Wiederholung der Varianten wirkt es eher gleichmütig und schicksalsergeben. Auch die Phrase „ein Grab in der Luft“ schreit nach Erlösung. Obwohl das “Trinken“ bei uns Menschen zu den Lebens Existenz- Gegenständen gehört, sind hier die Opfer verurteilt dauernd zu trinken, es entsteht ein Zwang nicht das Leben, sondern den Tod zu trinken.

Dann kommt in der vierten Zeile eine Periphrase. „wir schaufeln ein Grab in den Lüften“, durch die auf die Krematorien verwiesen wird. Dies wird eher als distanzierte Feststellung erwähnt, als als Klageruf. Erschreckend ist die darauffolgende Kommentierung: „Da liegt man nicht eng“. Man kann assoziieren, dass man nicht so eng liegt wie in den Schlafschabracken oder eng wie in der Erde, aber in jedem Fall wird der Tod als Erlösung angesehen, der eigenem „geschenkt“ wird (Z.33).

In Zeile Fünf bis Neun wird das Gegenthema erläutert. Dann wird uns der KZ-Komandant vorgestellt. Er spielt mit den Schlangen und wohnt und schreibt aber er pfeift auch seine Juden hervor und befiehlt diesen. Das „seine“ macht klar, das er sie als Eigentum ansieht. Er wird von zwei Seiten beschrieben. Auf der einen ist er der Heimweh kranke im Haus geborgenen Kommandant, der sich nach seiner Magarete sehnt. Und auf der anderen Seite ist er der Gewaltauführende, der anderen Frauen schreckliches antut, Rüden auf die Juden hetzt (Z.33) und Munition auf sie trifft. Da schreibt der Kulturmensch und verlässt das Haus und tötet. Die Schlange steht einerseits in der christlichen Religion für die Macht des Bösen, z.B. als Eva durch die Schlange verführt wird den Apfel zu essen. Andererseits stehen die Schlangen für die SS-Runen, die der Gestalt zweier Schlangen sehr ähnlich sind. Seine Attribute sind bleierne Kugel (Z.31), Eisen im Gurt (Z.17), blaue Augen (Z.17) und seine Hunde. Die blauen Augen des Mannes sind sicherlich als Verweis auf die nationalsozialistische Rassenideologie zu verstehen.

Spätestens in Zeile 15 schwingt das Gedicht wieder in den grausamen Teil über. Es wird das grausame Nebeneinander von Grabschaufeln und Musizieren bewußt. Die Periphrase: „Singet und spielet auf nun zum Tanz“ lässt sich so begründen, dass es früher oftmals so üblich war, dass die Lageraufsicht Musikgruppen zusammenstellte, um die Lagerinsassen zu beruhigen. Oftmals wurden diese Gruppen aber auch aufgefordert zu spielen, wenn Tötungsaktionen liefen. Die Lageraufseher ließen dann auch fröhliche Märsche oder so spielen, um die Gefangenen zusätzlich zu verhöhnen. Aber es wird mit dem Wort „Tanz“ auch auf den Totentanz* verwiesen.

Der letzte Teil wirkt wie ein Kanon, denn die Themen werden ineinander verschachtelt.

Als Schluß stellt Paul Celan die Deutschen den Juden gegenüber. Magarete verweist auf das Gretchen in Goethes „Faust“. Sie stellt die vollkommene Liebende dar aber auch den Prototyp der deutschen Frau. Dies wird bekräftigt durch das „goldene Haar“ (Rassenideologie). Dadurch, dass sie vollkommen passiv dargestellt wird, schlüpft sie in eine gewisse Opferrolle, wodurch auch die Parallelnennung mit Sulamit erklärt wäre. Auch Sulamit ist in der jüdischen Kultur mit dem Attribut der Liebenden und Geliebten besetzt.

Träumen ist das letzte Prädikat des Gedichts, dies ist irritierend und verstärkt noch mal den surrealen Eindruck des Gedichts.

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7. Kurze Bewertung

Das Gedicht hinterlässt einen tiefen Eindruck von Faszination und Angst. Andere Gedichte über Konzentrationslager hinterlassen beim Leser eine wehmütige oder gar aggressive Stimmung, dieses Gedicht vermittelt einem mehr den Zustand zwischen Leben und Tod zu schweben.

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4.3 / 5 Sternen (6 Bewertungen)
  • Autor: Nicht angegeben
  • Fach: Deutsch
  • Stufe: 13. Klasse
  • Erstellt: 2012
  • Note: 1+
  • Aktualisiert: 30.06.16

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  • Steeeba schrieb am 28.01.2015:

    Die Schlangen könnten jedoch auch ein Zeichen für die Ärzte in den Konzentrationslagern sein. Denn diese hatten als Abzeichen einen Äskulapstab um welchen sich eine Schlange wickelte.

  • lolli schrieb am 11.12.2012:

    danke
    wir müssen in reli n referat über Celan halten!!!
    Damit habe ich schonmal viel abgefrühstückt!!!
    XDDD

  • BenSchreck schrieb am 05.09.2012:

    Sagen Sie mal, sind Sie noch ganz bei Trost?
    Wie wärs, wenn Sie erstmal Deutsch lernen, bevor Sie so einen Blödsinn verbreiten?
    Z.B. den Unterschied zwischen "fiel" und "viel" oder historisch zwischen "Konzentrtions-" und "Vernichtungslagern"?
    Frechheit!

  • peez schrieb am 03.03.2011:

    SEHR GUT!!

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