Schulzeux.de > Deutsch

Nathan der Weise literarische Erörterung

Inhaltsverzeichnis

Aufgaben:
A) Klärung des Begriffs Aufklärung
B) Warum wollte Lessing auf der Bühne predigen und welche Gesinnung lässt er Nathan vertreten?
I. Auseinandersetzung zwischen Lessing und Goeze
II. Charakterisierung des Patriarchen
III. Charakterisierung des Nathan
C) Aktualität des Gedankenguts aus „Nathan der Weise“

Gotthold Ephraim Lessing ist der bedeutendste deutsche Schriftsteller der Aufklärung. Die Aufklärung bezeichnet eine Epoche, in der die europäischen Gesellschaften sich von den Autoritätsansprüchen der Kirchen, der absoluten Monarchie und der Scholastik zu befreien suchten. Sie wird im wesentlichen von der Emanzipationsbewegung des Bürgertums zwischen dem Ende des 17. und dem Ende des 18. Jahrhunderts getragen.
Der Ausgangspunkt der Aufklärungsbewegung ist die Lösung des Denkens aus den Bindungen der tradierten, auf Offenbarungsweisheiten gegründeten christlichen Religion und Theologie und dem durch das Christentum theologisch-metaphysisch begründeten Weltbild.
Die Aufklärung wird geprägt von der Grundüberzeugung, dass die autonome menschliche Vernunft die einzige und letzte Instanz ist, die über Methoden, Wahrheit und Irrtum jeder Erkenntnis ebenso entscheidet wie über die Normen des ethischen, politischen und sozialen Handelns. Diese Überzeugung wird mit dem Instrument der Kritik geprüft. Wesentlich war die Forderung nach Freiheit der Meinungsäußerung und der Toleranz gegenüber anderen Meinungen.

Lessings Ruf nach Toleranz gegenüber anderen Religionen und die Prüfung seiner eigenen Überzeugung auf Stimmigkeit mit der Vernunft stößt bei dem orthodoxen Hauptpastor Goeze auf heftigste Ablehnung. Dieser erreicht, dass Lessing die Verbreitung seiner religiösen Ansichten verboten wird. Dennoch will Lessing nicht schweigen, den Menschen weiterhin ins Gewissen reden und ihnen predigen, er macht mit dem dramatischen Gedicht „Nathan der Weise“ die Bühne zu seiner Kanzel. Seinen Widersacher Goeze kritisiert er an Hand der literarischen Figur des Patriarchen, der eine Gegenposition zu seinen eigenen Idealen einnimmt.
Lessing stellt den Patriarchen als konservativen, in seinen Meinungen fest gefahrenen Menschen dar. Dies wird besonders deutlich durch den stereotypen Ausruf „Tut nichts! Der Jude wird verbrannt“ (S.84 Vers 2546, 2553, 2558f), mit dem gezeigt wird, dass er überhaupt nicht darauf eingeht, unter welchen Umständen der Jude das Mädchen Recha zu sich genommen hat. Er richtet sich allein nach seinem „päpstlichen und kaiserlichen Recht“ (S. 83, Vers 2533f), an dem er stur festhält. Der Patriarch vertritt unnachgiebig die Ansicht, dass die Vernunft nicht in geistliche Angelegenheiten „hingehört“ (S.83, Vers 2478), denn „die stolze menschliche Vernunft“ könne „im Geistlichen doch irren“ (S. 83, Vers 2517f) und wer dürfe „die Willkür des, der die Vernunft erschaffen, nach Vernunft“ (S.82, Vers 2486ff) untersuchen?

Zudem meint der Patriarch, wenn man als Christ kirchlichen Rat sucht, so „ist der Rat auch anzunehmen“ (S. 83, Vers 2475). Es ist nach seinen Ansicht untersagt, kirchlichen Rat mit rationalen Gründen zu prüfen. Der Glaube an das vorbestimmte Los durch die Allmächtigkeit Gottes prägt den Patriarchen tief. Seine Überzeugung ist, dass der Mensch Gott nicht vorzugreifen hat, denn „Gott kann, wen er retten will, schon ohn ihn retten“ (S. 84, Vers 2550f). Der Patriarch kann seine Ideen auch deshalb so vehement vertreten, weil er sich der Unterstützung des Herrschers sicher sein kann, denn es ist für den Staat gefährlich, nichts zu glauben (S. 84, Vers 2578ff). In Lessings Zeit waren kirchliche und weltliche Macht noch eng verknüpft, da der absolute Herrscher seinen Machtanspruch aus dem Gottesgnadentum ableitete. Dadurch wiederum lässt sich geistliche und weltliche Rechtsprechung nicht klar trennen. Dies wird an dem Beispiel deutlich, dass für Verführung zum Abfall vom Glauben sowohl ein päpstlicher als auch ein kaiserlicher Richtspruch besteht, obwohl dies eigentlich kein Problem des Kaisers ist. Doch wenn die kirchlichen Dogmen ihre Gültigkeit verlieren, werden auch die gesellschaftlichen „Bande“ (S. 84, Vers 2580), die die Gesellschaft zusammenhalten und dem Fürsten den Thron garantieren, aufgelöst und zerrissen (S.85, Vers 2581).
Lessing präsentiert den Patriarchen und damit Goeze als religiösen Eiferer (S.85, Vers 2592), der meint, was er zuviel tue, solle der Herr erwägen (S. 85, Vers 2594). Das widerspricht Lessings Überzeugung, die Immanuel Kant (1724-1804) im kategorischen Imperativ der Pflicht von 1788 zusammengefasst hat: „Handle so, dass die Maxime deines Wollens zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“

In „Nathan der Weise“ wird diese Haltung dadurch unterstrichen, dass Lessing seine durchweg positive Hauptfigur Nathan zwar als gläubigen Juden, aber gänzlich ohne übertriebenen religiösen Eifer zeichnet. Er charakterisiert Nathan als reichen, weisen, vernünftigen, vorurteilsfreien, guten, sprich aufgeklärten Menschen. Dies ist für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich: Nathan ist ein Jude und Juden werden normalerweise als verschlagen und geldgierig dargestellt. Dass Nathan nicht geldgierig ist, spiegelt sich in der Szene wider, als der Derwisch ihm vorschlägt, dem Sultan Geld zu leihen, weil ihm das „trefflich wuchern“ (S. 15, Vers 425) könne, Nathan aber ablehnt: „Bis mein Kapital zu lauter Zinsen wird“ (S. 15, Vers 430).
Nathan wendet sich gegen Vorurteile, denn der Tempelherr solle die Jüdin Recha nur erst kennen (S. 44, Vers 1322) und gegen Wunderglauben, den man durch ein wenig Nachdenken leicht widerlegen könne, wenn man nicht wie die Kinder nur „gaffend das Ungewöhnlichste, das Neueste nur verfolge [n] “ (S. 9 V221ff). Lessing stellt dem theologisch metaphysischen Wunderglauben die barmherzige Nächstenliebe des Templers entgegen. Er prangert die vermeintliche Rettung durch einen Engel als Stolz und Hochmut an (S. 11, Vers 294). Der Engelsglaube schade sogar, denn man erleichtert sich damit seine Verpflichtung zur Dankbarkeit, denn zu einem Engel kann man nur schwärmen, einem Menschen aber ist man verpflichtet. (S. 11, Vers 301ff). Zudem ist Nathan überzeugt, dass Gott Gutes, auf der Erde getan, auch auf der Erde noch belohnt (S. 13, Vers 359) und verneint damit die Einstellung des Patriarchen, das vorbestimmte Schicksal würde sich ohne Mithilfe des Menschen ereignen. Nathan versucht durch ein aktives und gottgefälliges Handeln sein Schicksal positiv zu beeinflussen. Er ist tolerant gegenüber anderen Religionen, z.B. nimmt er die Christin Daja in sein Haus auf und lässt sie Recha erziehen.
Er selbst erzieht Recha nicht so sehr zum Glauben, sondern zur Menschlichkeit und zum rationalen Denken, wie es dem neuen Erziehungsideal mit hohem ethnischen Anspruch im Sinne einer humanen Erziehung bzw. einer natürlichen Entwicklung von Gefühl und Vernunft in einem geordneten Freiheitsraum entsprach. Nathan misst die Menschen an ihren Taten und meint, dass gute Menschen in allen Ländern gleich handeln und dass schlechte Menschen nicht gut handeln, selbst wenn es eine Regel gebietet (S. 43, Vers 1271ff). So sagt er z.B. zum Klosterbruder: „Was mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir zum Juden“ (S. 100, Vers 3069f). Nathan übt sich in Toleranz gegenüber anderen, so gesteht er z.B. dem Tempelherrn auch die freie Meinungsäußerung zu, als dieser die Juden angreift (S. 43, Vers 1287ff), und Nathan akzeptiert, dass dieser das jüdische Volk verachtet (S. 44, Vers 1306f). Er weist diesen aber darauf hin, dass keiner sich sein Volk aussuchen könne (S. 44, Vers 1307ff): „Was heißt denn Volk?“ Und bedingt die Zugehörigkeit zu verschiedenen Völkern wirklich so große Unterschiede zwischen den Menschen?

Die Aktualität dieser Frage kann bei den fast täglichen Berichten von Übergriffen rechter Schläger auf Ausländer, Linke und Obdachlose nicht geleugnet werden.
Es ist zwar eine provokante Frage, aber ist die Aufklärung an diesen spurlos vorübergegangen? Sie greifen anders Aussehende, Denkende, Lebende mit dumpfer Gewalt an. Sie scheinen nicht zu bemerken, dass diese Menschen wie sie sind. Und sie hören zum Teil blind auf ihre Führer, nehmen Hitlers Lehre wie eine Offenbarung kritiklos auf, leugnen zum Teil sogar handfeste Beweise und behaupten, es hätte den Holocaust nie gegeben.
Unser Staat ist in der paradoxen Situation, mit der im Grundgesetz verankerten Idee der Aufklärung, nämlich der Toleranz gegenüber dem Nächsten, auch Gruppen, die diese ablehnen, schützen zu müssen.
Aber auch die Vorgänge in Afghanistan mit der Zerstörung von kulturgeschichtlich unersetzlichen Buddahstatuen zeugen nicht von religiöser Toleranz und sollten uns zu denken geben.

Quelle:

Duden - das Neue Lexikon; Redaktionelle Leitung: Dr. Joachim Weiß; BI-Taschenbuchverlag: Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich; 2. Auflage 1996

Hilf uns und deinen Freunden, indem du diese Seite teilst, verlinkst und bewertest

4.2 / 5 Sternen (5 Bewertungen)
  • Autor: Nicht angegeben
  • Fach: Deutsch
  • Stufe: 13. Klasse
  • Erstellt: 2001
  • Note: 1-
  • Aktualisiert: 11.08.14

Schreibe jetzt deine Meinung

    Was ist 2 mal 1? Ergebnis:  
Wähle dein Bild:

Mitmachen

Drag & Drop oder: Durchsuchen... Endungen: .doc(x) .xls(x) .ppt(x) .pdf .txt .rtf .jpg .gif .png .bmp

Danke für deinen Besuch bei Schulzeux.de

Zeig diese Seite deinen Freunden

Mithelfen ist ganz einfach

Du hast sicher auch noch Hausarbeiten, Vorträge etc. auf deinem PC. Veröffentliche sie in wenigen Sekunden und hilf damit tausenden Mitschülern.

Mehr Infos

Schulzeux.de auf Facebook

Schulzeux.de bei Google+