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"An das Volk von Paris" Quelleninterpretation

Inhaltsverzeichnis

Folgend eine Quelleninterpretation zum Text "An das Volk von Paris".

In dem Plakat „An das Volk von Paris“ aus dem Jahr 1871 erschienen in Paris Libre von Jacques Rougerie, wird das Volk der Stadt Paris aufgerufen sich gegen die Regierung der nationalen Versammlung zu erheben, indem die vorhandene Lage der Bevölkerung und die damit verbundene Situation aufgezeigt wird. Paris ist von 200.000 Preußischen Soldaten eingeschlossen, nachdem Frankreich im Deutsch-Französischen Krieg die Schlacht bei Sedan verloren hat und die Bonapartisten geflohen sind. Der „Regierung der nationalen Verteidigung“ wird in dem Plakat vorgeworfen, zu viel Zeit mit Verhandlungen vertan zu haben, „anstatt Kanonen zu schmieden und Waffen zu fabrizieren“. Außerdem wird der Vorwurf, die Bonapartisten, mit denen die Niederlage im Krieg verbunden wird, in ihren Ämtern gelassen und Republikaner ins Gefängnis geworfen zu haben. Trotz der ihnen zur Verfügung stehenden „Ressourcen, Güter und Männer“, haben sie es nicht verstanden, das belagerte Paris zu retten.

Der Verfasser des Plakats wirft der Regierung außerdem vor, dass in Paris Wohlstand und Reichtum herrschen könnte. Doch in Wirklichkeit hungern und sterben die Leute vor Kälte, die Frauen leiden und die Kinder schmachten dahin. Die militärische Leitung wird als „noch beklagenswerter“ beschrieben, da sie nur Misserfolge zu vermelden hat, wie z.B. „mörderische Kämpfe ohne Ergebnis“ oder „Angriffe ohne Ziel“. Er appelliert an die „Männer im Rathaus“, dass, wenn diese noch „etwas Patriotismus“ übrig hätten, sie sich aus ihren Ämtern zurückziehen und die Verwaltung der Kommune überlassen sollen. Das Plakat soll außerdem die Schmach verdeutlichen, die die französische Bevölkerung erleidet, indem es die Gefangenen Soldaten, die nach Deutschland gebracht wurden, die zerstörte Industrie, den versiegenden Handel und die mit der Niederlage des Krieges verbundenen Reparationszahlungen anspricht, die Paris „erdrücken“. Danach fordert das Plakat die Bevölkerung auf, wie ihre Vorfahren von 1789 zu reagieren, die damals „den Thron“ umwarfen und die Bastion stürmten. Das Plakat fordert zudem zur Generalmobilmachung der Truppen, zur Gratisverpflegung der Bevölkerung und zum Massenangriff gegen die preußischen Belagerer auf.

Der Verfasser des Plakats benutzt diverse rhetorische und populistische Mittel, um die Bevölkerung gegen die Regierung aufzuhetzen, indem er der Regierung „Langsamkeit“, „Unentschlossenheit“ und „Unbeweglichkeit“ vorwirft. Er beklagt, die Bonapartisten in ihren Ämter belassen zu haben, die im Volk deshalb stark verhasst waren, weil sie mit den Niederlagen des deutsch-französischen Krieges verknüpft und mit der Unterdrückung des Volkes während der absolutistischen Heerschaft verbunden wurden. Er weist mehrfach auf die Situation der Bevölkerung des belagerten Paris hin, die noch viel aussichtsloser durch das „Nicht-Handeln“ der Regierenden sei, da die Verhandlungen mit den Deutschen der Waffenproduktion vorgezogen würden, obwohl in Paris 500000 Kämpfer bereit stünden, die zwar von 200000 Preußen belagert werden, die sich aber nicht effektiv („Angriffe ohne Ziel; mörderische Kämpfe“) wehren können. Häufig wird die in Paris vorherrschende Lage beschrieben, um die Bevölkerung „wachzurütteln“ und diese zum Kampf gegen Regierung und Belagerer aufzurufen: „da wo Reichtum und Wohlstand herrschen konnte, haben sie Unglück heraufbeschworen; wir sterben vor Kälte, schon fast vor Hunger: die Frauen leiden, die Kinder schmachten und sterben dahin.“.

Auch an der Aussage, „Die Regierung hat ihre Maßnahmen gegeben; sie tötet uns. Die Rettung von Paris erfordert eine schnelle Entscheidung. Die Regierung reagiert auf andersartige Meinungen nur mit Drohung.“, unterstreicht die Unzufriedenheit des wahrscheinlich aus dem blanquistischen Lagers kommenden Verfassers des Plakats gegenüber der von Thiers geführten Regierung. Die Verhandlungen der Regierung mit den preußischen Belagerern werden deutlich, wenn man sich die Situation am 31. Oktober anschaut. „Als Thiers seine Waffenstillstandspläne bekanntgab, kam es zu schweren Zwischenfällen im Rathaus. Die Aussicht auf einen Waffenstillstand und die Kapitulation von Metz empörte die Pariser. Vor dem Rathaus versammelte sich eine unübersehbare Menschenmenge, die die Sperren der Mobilgarde durchbrach und in das Rathaus eindrang. Die Regierung der Nationalen Verteidigung hatte im Stadthaus den dort versammelten Arbeitern ihr feierliches Wort geben müssen, die Regierungsgewalt in die Hände einer frei gewählten Kommune zu legen. Für ein paar Stunden gehörte das Pariser Rathaus den Arbeitern, die bereits über die Wahl einer Stadtverwaltung von Paris diskutierten. Gegen Mitternacht jedoch drangen die Trouchu ergebenen bretonischen Mobilgardisten in das Rathaus ein und verjagten die Versammlung. Die Regierung der "Nationalen Verteidigung" trug den Sieg davon.“

Das Plakat betont, dass diese „Kommune“ die einzige Rettung des Volkes vor dem Tod sei, und appelliert an den Patriotismus der „Männer im Rathaus“, um diese zur Machtübergabe an die Kommune zu bewegen. Es betont außerdem, dass das Klammern an die alten Machtverhältnisse ehemals ein Fehler war, den man jetzt nicht wiederholen sollte. Damit ist sicherlich die Wiedereinführung des Kaiserreichs 1852 gemeint, in der Napoleon III. zum Kaiser der Franzosen ernannt wurde, nachdem 1848 schon eine bürgerliche Revolution Frankreich in eine Republik verwandelt hatte. Das Plakat appelliert außerdem an die Leistung der Bevölkerung von 1789, die sich damals gegen die Monarchie erhob, und fordert indirekt, dass man diesen Geist wiederbeleben und reaktivieren sollte. Das Volk „wartet (-) in einer unbeweglichen Verzweiflung bis die Kälte und der Hunger in seinem Herzen gefrieren werden“.

Das Plakat richtet sich eindeutig an die Bevölkerung, besonders an den vierten Stand der Stadt Paris, an die Arbeiterschaft, die sich die schlechte vorherrschende ökonomische Situation innerhalb der Mauern von Paris nicht weiter gefallen lassen soll. Das Proletariat soll sich erheben und gegen die Ungerechtigkeit, gegen den Hunger und das Sterben innerhalb der Stadt mit Waffengewalt sowohl gegen die Regierung als auch gegen die Belagerer vorgehen und über die Politik, die seit dem 4. September und der damit verbundenen Ausrufung der 3. Republik und der Fehler der nachfolgenden Regierung unter Thiers, richten. Das Volk bzw. die Kommune soll die Regierungsgewalt bekommen und über das Herr und die Verteidigung der Stadt Paris entscheiden.

Quellen:

Der farbige Ploetz, Illustrierte Weltgeschichte, Freiburg/Würzburg 1982

Glasnost – archiv, Marlis Meergans, Eberhard Noll - Die Pariser Kommune

Pariser Kommune - Diktatur des Proletariats,  Jenny Meyer-Zoch

Allgemeine Geschichte des Sozialismus und der sozialen Kämpfe, Max Beer

Originalquelle: An das Volk von Paris (aus Paris Libre von Jaqcues Rougerie)

Die Delegierten des 20. Bezirks von Paris

Die Regierung, die am 4. Sept sich der nationalen Verteidigung angenommen hat, hat sie ihre Mission erfüllt? – Nein!

Wir sind 500000 Kämpfer und 200000 Preußen erdrücken uns! Wer hat die Verantwortung, wenn nicht die, die uns regieren. Sie haben nur daran gedacht, zu verhandeln, an-statt Kanonen zu schmieden und Waffen zu fabrizieren. Sie haben sich der Erhebung der Massen entzogen. Sie haben die Bonapartisten in ihre Ämter gelassen und die Republikaner ins Gefängnis geworfen. Sie haben sich schließlich nur am Ende eines Zeitraums von zwei Monaten am Tag nach dem 31. Oktober entschieden, gegen die Preußen zu handeln. Durch ihre Langsamkeit, ihre Unentschlossenheit, ihre Unbeweglichkeit haben sie uns an den Rand des Abgrunds geführt. Sie haben weder zu verwalten noch zu kämpfen verstanden, obwohl sie alle Ressourcen, Güter und Männer zur Verfügung hatten. Sie verstehen nicht, dass man in einer belagerten Stadt alles tun sollte, was den Kampf unter-stützt, um das Vaterland zu retten; sie konnten nichts vorhersehen: da wo Reichtum und Wohlstand herrschen konnte, haben sie das Unglück heraufbeschworen; wir sterben vor Kälte, schon fast vor Hunger: die Frauen leiden, die Kinder schmachten und sterben dahin. Die militärische Leitung ist noch beklagenswerter: Angriffe ohne Ziel; mörderische Kämpfe ohne Ergebnis; wiederholte Misserfolge, die die Tapfersten entmutigen konnten; Paris bombardiert. Die Regierung hat ihre Maßnahmen gegeben; sie tötet uns. Die Rettung von Paris erfordert eine schnelle Entscheidung. Die Regierung reagiert auf andersartige Meinungen nur mit Drohung. Sie erklärt, dass sie die Ordnung aufrecht erhalten wird wie die Bonapartie vor der Schlacht von Sedan. Wenn die Männer im Rathaus noch etwas Patriotismus haben, ist es ihre Pflicht, sich zurückzuziehen, das Volk von Paris selbst für seine Befreiung sorgen zu lassen. Die Verwaltung oder die Kommune, wie man sie auch nennt, ist die einzige Rettung des Volkes, seine einzige Rettung vor dem Tod. Wenn man sich an die bestehenden Machtverhältnisse klammert, wird man nur die gleichen Fehler wiederholen. Es ist außerdem gleichbedeutend mit einer Kapitulation, wenn dieses Regime an der Macht bleibt und Metz und Rouen hat uns bereits gezeigt, dass die Kapitulation nicht nur Hungersnöte bedeutet, sondern den Ruin und die Schmach mit sich bringt. Es ist die Armee und die Nationalgarde, die als Gefangene nach Deutschland abgeführt werden und dort durch die Straßen defilieren müssen unter den Anpöbelungen der Fremden; der Handel wird zerstört, die Industrie ist tot, die Reparationszahlungen erdrücken Paris: Das ist, worauf uns die Unfähigkeit oder der Verrat hinführen. Das große Volk von 89, das die Bastion zerstört und den Thron umgeworfen hat, wartet es in einer unbeweglichen Verzweiflung bis die Kälte und der Hunger in seinem Herzen gefrieren werden, das Herz von dem der Feind die letzten Schläge zählt? Nein! Die Pariser Bevölkerung wird niemals dieses Elend und diese Schmach akzeptieren.

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  • Autor: M.P.
  • Fach: Geschichte
  • Stufe: 2. Semester (Uni)
  • Erstellt: 2008
  • Note: Ohne Wertung
  • Aktualisiert: 17.08.16

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