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Praktisches Wissen am Beispiel von Rezeptbüchern

Inhaltsverzeichnis

Zum Thema von Rezeptbüchern, Haushaltsbüchern, Rezeptsammlungen etc. in der Frühen Neuzeit waren aus den folg. 3 Fragen 2 zu beantworten. Zwar als Essay im Masterstudium "Geschichte und Kultur der Wissenschaft und Technik" (TU Berlin) geschrieben, aber auch als Referat nutzbar!

Lesetext als Quelle:
Elaine Leong: Collecting Knowledge for the Family. Recipes, Gender and Practical Knowledge in the Early Modern English Household, Centaurus 55 (2013), S. 81–103.

Bitte bearbeiten Sie zwei der folgenden drei Fragen auf zwei bis drei Seiten (einfacher Zeilenabstand, Schriftgröße nicht kleiner als 12pt)!

1. In welcher Weise behandelt Elaine Leong den Begriff des praktischen Wissens (explizit oder auch implizit)? Welche Rolle wird diesem Wissen zugeschrieben? In welcher Beziehung steht es zu einem wissenschaftlichen/ akademischen Wissen?

2. Wie wird die Frage der oft unklaren Autorschaft der Rezeptbücher behandelt, und wie werden insbesondere geschlechtliche Zuordnungen getroffen und begründet?

3. Vergleichen Sie die unterschiedlichen Herangehensweisen von Elaine Leong und Michael Stolberg (den wir in der 8. Sitzung gelesen haben) in der Analyse praktischen medizinischen Wissens im 16. Jh. Wo sehen Sie die jeweiligen Stärken und Schwächen der beiden Zugänge?

Praktisches Wissen - zu Frage 1

Elaine Leong hebt in ihrem Aufsatz „Collecting Knowledge for the Family. Recipes, Gender and Practical Knowledge in the Early Modern English Household” die wichtige Rolle von familiären Rezeptsammlungen für den Alltag und der Haushaltsführung in der Frühen Neuzeit hervor – von Anleitungen zur Herstellung einer Arznei und diversen Kochrezepten bis hin zu allgemeinpraktischen Haushaltstipps wie Reinigung bestimmter Gegenstände etc. war in solchen Sammlungen aus den unterschiedlichsten Bereichen Erfahrungswissen zur Bewältigung des täglichen Lebens zusammengetragen Durch die stellenweise Indexierung nach Thema oder Alphabet und dem erheblichen Umfang erwecken sie zudem den Eindruck eines beinahe enzyklopädischen Werkes. Konkret bezieht sich der Begriff des praktischen Wissens bei Leong auf den unmittelbaren Gebrauch und Nutzen dieses Wissen im häuslichen Alltag durch beide Geschlechter, etwa in Fragen der Medizin, Pharmazie, Chemie und weiterer, benachbarten Wissensparten – sie geben darüber Auskunft, dass neben den klassischen Orten der Wissenshervorbringung und –produktion in Universitäten und Akademien nun auch die Lokalität Haushalt in sicherlich nicht gleichberechtigter, wohl aber hervorzuhebender Art und Weise hinzuzuzählen ist.

Ein handfestes Beispiel für das anwendbare Wissen stellt im Bereich der selbsterzeugten Arznei der wichtige Vorgang der Kräuterextraktion mittels Herausdestillieren des Wirkstoffes dar – hier war es beispielsweise von fundamentaler Bedeutung, allein die Brenndauer des Feuers zu kennen, sollte das hergestellte Pharmazeutikum wie gewünscht und überliefert wirken. Meist wurde hier durch bloßes Ausprobieren und Testen praktisches Wissen angereichert und schriftlich weitergegeben.

Die bedeutungsschwere Rolle dieses praktischen Wissens spiegelt sich auch in der über viele Generationen erfolgten Vererbung und Weiterreichung dieses Wissensfundus zu besonderen Anlässen wie beispielsweise Hochzeiten – oft zusammen mit darin enthaltenen Erwartungen, Hoffnungen und versuchter Einflussnahme auf die Adressaten, welche im Laufe der Zeit diese Sammlung mit dem eigenen Erfahrungshorizont abglichen, ergänzten und so eine immer umfassendere Wissenskollektion zusammentrugen.

Neben ihrer Funktion als explizit zu praktizierendes, praktikables Anwendungswissen erfüllen sie auch die nicht zu verkennende Aufgabe eines Familienarchivs und bewahren so die innerfamiliäre Erinnerungskultur über viele Generationen hinweg.

Die Beziehung zwischen diesem Haushaltswissen und der akademischen Wissenschaft ist als marginal einzuschätzen, eine zu beobachtende Korrelation findet nicht statt. Zwar entsprächen manche Arzneirezepte dem damaligen Stand kommerzieller Präparate, doch bewegt sich das praktische Wissen der Rezeptsammlungen lange Zeit abseits der universitären Wissenschaft – sie berühren ja auch Bereiche, die erst im Laufe der Wissenschaftsentwicklung für sie von Bedeutung werden, etwa wenn es um die effizientere Haushaltsreinigung mittels chemischer Beihilfen geht.  Darüber hinaus eignen sich die Sammlungen heute als wichtige Primärquelle vieler verschiedener wissenschaftlicher Fachrichtungen: von Kultur- und Literaturwissenschaften wie auch der Medizin(geschichte) bis hin zur Genealogie und Stammbaumforschung, um nur einige zu nennen.

Praktisches Wissen - zu Frage 2:

Entgegen der bisherigen Lehrmeinung, die Frauen eine weitestgehende Alleinurheberschaft der Rezeptsammlungen aus der Frühen Neuzeit zuschreiben, konstatiert Elaine Leong in ihrem Essay „Collecting Knowledge for the Family. Recipes, Gender and Practical Knowledge in the Early Modern English Household” diese als Ergebnis einer kollektiven Zusammenarbeit von Familienmitgliedern beiderlei Geschlechts. Zwar spielen die Frauen darin eine signifikante Rolle, wodurch uns auch Auskunft über ihre Involvierung in den Prozess der Wissensschaffung und –kumulation erteilt wird; doch zuvorderst stellen die Rezeptkollektionen eine in Gemeinschaftsarbeit erbrachte Familienleistung dar.

Die kollaborative Beteiligung von Männern und Frauen als Gemeinschaftswerk macht auch Sinn, denn so können die Erfahrungshaushalte beiderlei Geschlechtes Einzug in die Sammlung finden und stehen so der gesamten Familie zur Verfügung. Die große Bedeutung dieser Rezeptkollektionen für sämtliche Geschlechter des Haushalts zeigt sich zudem beispielhaft in der sowohl patri- wie auch matrilinear erfolgten Weitergabe des mit einem hohen Wert versehenen Gutes.

Die genaue Urheberschaft von Büchern mit Sammlungen zahlreicher Medizinal- und Kochrezepte lässt sich im Ergebnis nicht einwandfrei  belegen, da oftmals unter Pseudonym in einem komplexen Entstehungsprozess geschrieben wurden. Die vielschichtige Besitzer- und Autorenschaft erschwert überdies eine genauere Zuordnung zu einem Geschlecht als maßgeblichen Urheber. Hinweise auf den Initiator oder Verfasser der Sammlung sind neben gelegentlich namentlich genannten Besitzern auf dem Titel beispielsweise auch aus den verwendeten Initialen auf dem Einband oder Deckblatt sowie zuordbaren Stempeln zu entnehmen. Die Identifikation beziehungsweise Ermittlung des Anteils eines Autoren am Gesamtwerk sowie der auszumachenden Anzahl an direkt beteiligten Autoren lässt sich darüber hinaus anhand der charakteristischen Handschrift ermitteln. 

Thema: Praktisches Wissen, noch Forschungsfeld.

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  • Autor: T.Z.
  • Fach: Geschichte
  • Stufe: Keine Angabe
  • Erstellt: 2015
  • Note: 1-
  • Aktualisiert: 16.07.16

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