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Praktisches Wissen - Übersicht der Quellen & Autoren

Inhaltsverzeichnis

Leseaufgabe (statt Lektüretext): Wir haben im Seminar elf (eigentlich zwölf,Schneider hatte zwei) sehr unterschiedliche Texte behandelt. Lassen Sie unter derPerspektive der untenstehenden Fragen dieseTexte nochmals Revue passieren;dazu können Sie durchaus auch Tabellen anlegen.

1.  Haben die Autor/innen ein explizitesVerständnis von „praktischem Wissen“artikuliert, bzw. welches impliziteVerständnis können Sie feststellen? Wieverhalten sich die jeweiligen Verständnisse zueinander, sehen Sie ein(weitgehend) durchgängiges Basisverständnis? Was sind denn jeweils dieKontrastbegriffe, gegen die praktisches Wissen abgegrenzt wird?

Zu Frage 1)

Zur Einordnung des expliziten und impliziten Verständnisses von praktischem Wissen werden zunächst alle zehn Seminartexte auf ihre Kernaussagen hin zu praktischem Wissen in einer Tabelle exzerpiert (Seitenangaben in Klammern am Ende des Zitats),  wobei die Autoren und ihr jeweiliger Text in der linken Spalte und ihre Aussagen zu praktischem Wissen und seines Hintergrundprozesses in der rechten Spalte zu finden sind. Diese tabellarische Zusammenstellung stellt damit ein neues Quellenfundament zur Thematik des praktischen Wissens auf.

Zitate aus den englischen Texten wurden der Authentizität wegen in ihrer Originalsprache belassen, Anmerkungen und Weglassungen wie Ergänzungen finden sich in eckigen Klammern ausgewiesen. Zur Sichtbarmachung einer genaueren Abgrenzung der behandelten Wissensbegriffe war ursprünglich eine dritte Spalte über Angaben der jeweiligen Fachdisziplin des Autors angedacht, jedoch konnten diese nicht vollständig ermittelt werden und würden in unvollständiger Weise nur ein Zerrbild hierzu skizzieren – weswegen diese in der Übersicht fehlen, jedoch eine interessante Ergänzung abgäben. 

Praktisches Wissen - Übersicht der Autoren und Quellen

 

Autor und Quelle

Aussagen über „praktisches Wissen“

U.J. Schneider: Nasologie 2007; Systematisierung des Wissens 2008

 

„Und einen stadtärztlich-praktischen Verstand verraten die Texte [aus dem „Universal-Lexicon“ 1748] durchaus: Sie sind mit Blick auf die Praxis geschrieben und aus der Erfahrung vieler alltäglicher Operationen herausreflektiert. Es werden Salben Beschrieben und dafür die Zutaten angegeben, es wird empfohlen, was bei entzündeten und was bei erfrorenen Nasen zutun sei“ (S.  41)

 

J. Renn: From the history of science to the history of knowledge – and back 2015

 

“mental models form a connecting link between differents forms of knowledge – from practical to theortical.“ (S.41)

 

“non-scientific knowledge [gemeint ist wohl “praktisches Wissen”] help the history of science” (S. 47)

 

“[there is a] relation between practical and theoretical knowledge” (S. 48)

 

“cognitive structures are rooted in intuitive and practical knowledge” (S. 50)

 

J. Vogel: Von der Wissenschafts- zur Wissensgeschichte  2004

 

“‚praktisches’ (tacit knowledge) oder auch ‚lokales Wissen‘ [setzt] in den einzelnen Wissensfeldern der wissenschaftlichen Erkenntnis Grenzen” (S.642)

 

„zentrale Rolle von nicht schriftlich niedergelegtem, ‘praktischem Wissen‘ bei der Formulierung wissenschaftlicher bzw. technischer Neuerungen“ (S. 649)

 

„als Lieferanten von Bausteinen [dient] ‚praktisches Wissen‘ bei der Herstellung ‚wissenschaftlicher tatsachen‘.“ (S. 649)

 

„von einer einfachen Gegenüberstellung von ‚wissenschaftlichem Wissen‘ auf der einen und ‚traditionellem‘ bzw. ‚praktischem Wissen‘ [kann nicht] ausgegangen werden“ (S. 651)

 

I. Schneider: Mathematische Praktiker 1970

 

„Die Praktiker der Mathematik haben das historische Verdienst einmal der Weitergabe und Verbreitung der für die Praxis nötigen vor allem mathematischen Grundkenntnisse, zum anderen der Versorgung der Wissenschaften und der Praxis mit den erforderlichen Instrumenten und Apparaten, wie der praktischen und theoretischen Bearbeitung einer Reihe von Anwendungsgebieten der Mathe­matik. Die meisten Angehörigen dieser Gruppe sind und bleiben für die Geschichte unbekannt, obwohl in ihr auch Namen wie Jakob Koebel, Gemma Frisius, Pedro Nunez, Tartaglia oder Galilei auftauehen.“ (S. 211)

Folgend eine zusammengestellte Tabelle in der Tabelle über von Schneider genannte Bereiche und ihre dazugehörigen Praktiker:

 

Bereich

Praktiker

Geschützwesen

Geschützbediener

Fortifikation

Architekten / Festungsbauer

Vermessungswesen

Vermesser

Navigationswesen

Navigationsspezialisten

C. Poni: The Craftsman and the Good Engineer 1993

 

„engineers and architects with a variety of skills and practical knowledge of the principles of mechanics had existed since the fifteenth Century.” (S. 216)

 

„Artisan know-how, translated into a precise, detailed and intelligible language, […] explain the secrets of the Arts and spread the knowledge of new technologies.” (S.221)

 

E. Nenci: Galileo and the 'Boboli fontanieri' 2008

 

“difficulty of getting a correct picture of the relationship between Galileo’s thinking and the practical knowledge acquired by the artisans.” (S.64)

 

U.J. Schneider: Nasologie 2007; Systematisierung des Wissens 2008

 

„die Gegenwart einer ausdifferenzierten Wissensgesellschaft, die über die funktionale Nützlichkeit (Ackerbau und Medizin) hinaus eine Kultur der zweckfreien Neugier besitzt, [taugt] nur indirekt für die praktische Anwendung.“ (S. 74)

 

E. Leong: Collecting Knowledge for the Family 2013

 

„family books are filled to the brim with practical knowledge useful for the running of early modern households . […] For historians, these texts are some of the most revealing sources about home-based practices of natural inquiry.“(S. 82)

 

„Family was central to the creation and transmission of household practical knowledge. Inheritance and bequest within lineage family structures were central to the transmission of household recipe books, whereas the expansive household-family and kinship family relationships delineated the far-reaching stretches of a compiler’s knowledge network.” (S. 84)

 

M. Stolberg: Learning from the Common Folks 2014

 

„Recent research in the social and cultural history of early modern medicine has highlighted the remarkable degree to which learned physicians and medical laypersons lived in common medical cosmos, shared the same medical ideas, and trusted the same diagnost and therapeutic practices.” (S. 649)

 

“historians now underline the frequent exchange of medical knowledge and practices among different parts of early modern society and, in particular, the role of women in providing medical care and disseminating medical knowledge.” (S. 650)

 

“Handsch, it seems— and undoubtedly the same goes for many other physicians of the time—participated in a closely knit network ofsocial relationships that offered numerous opportunities for the transmission and acquisition of medical knowledge.” (S. 656)

 

U. Klein: Savant officials in the prussian mining administration 2012

 

“the State played an important role for the mixed technical and scientific practices of the Renaissance experts.” (S. 351)

 

“Unlike most of the Prussian] universities of the time [early modern history], it promoted empirical, practical nowledge, placing emphasis on the teaching of anatomy, natural history, materia medica and chemistry, including practical chemical courses in the laboratory of the Royal Hofapotheke.” (S. 352)

 

M. Popplow: Knowledge management to exploit agrarian resources 2012

 

 “Administrative officials, priests, scientists and other members of the Republic of Letters saw a lack of expertise regarding a more complete utilization of natural resources and aimed at new as well as more accessible bodies of knowledge to set such reform projects into practice. They were convinced that the application of ‘scientific’ standards—as they were represented by practices established in contemporary academies of science—with some adaptations, would also serve to create such sets of ‘useful’ knowledge. In the end, such a ‘technical’ approach also remained related to social reform, for example in the sense of a redistribution of land, and thus could not avoid tackling political issues.” (S. 415)

 

“Many sources of wealth would become available as soon as young administrative officials put this kind of knowledge into practice.” (S. 424)

 

“Early modern cultures of innovation are thus characterized by a continuous interaction between different forms of ‘practical’ and ‘theoretical’ knowledge— resulting in significant polemics on both sides—to arrive at technical and product innovations.” (S. 428)

 

K. Hentschel: Wissenschaftliche Photographie als visuelle Kultur 2005

 

“The overriding theme of visual science cultures leads furthermore to unanticipated interdependencies with other scientific fields, such as geography, and draws the importance of practitioners into the foreground.” (S. 193, from summary)

 

„Diejenigen, die die wissenschaftliche Photographie im 19. Jahrhundert weitergebracht haben, waren fast durchgehend Praktiker. Die Theorie der Photographie und Photochemie hinkte im Verständnis der komplexen chemischen Prozesse, die sich in Silbersalzen, Emulsionen und Entwicklungsbädern abspielen, um Jahrzehnte hinterher: alle wichtigen Durchbrüche der Photographie des 19. Jahrhunderts wurden durch Pröbeln gefunden. John Hersehe!, William Fox Talbot und andere Pioniere haben in langen Reihen von Laborversuchen mehr oder weniger systematisch ganze Stoffreihen und deren Kombinationen auf ihre Photosensibilität durchprobiert“ (S. 207f.)

 

 

In der zusammengefassten Nachbetrachtung der rezipierten Seminartexte fällt zunächst die unterschiedliche Kennzeichnung des Begriffes „praktisches Wissen“ zwischen den deutsch- und englischsprachigen  Texten auf. Während in der Regel der Begriff „praktisches Wissen“ in den deutschen Texten in Anführungszeichen gesetzt wird und somit eher einen abstrakteren, als noch nicht in den wissenschaftlichen Diskurs etablierten Charakter zugewiesen bekommt, wird der englische Begriff des practical knowledge zumeist ohne Anführungszeichen verwendet. Dies ließe eventuell auf eine in der dortigen Wissenschaftskultur eher anzutreffende Selbstverständlichkeit als eigenständigen Begriff schlussfolgern – die englischsprachige scheint der deutschsprachigen Wissenschaft im Bereich des „praktischen Wissens“ forschungsgeschichtlich voraus zu sein.

Das Basisverständnis des Begriffes „praktisches Wissen“ kann bei den aufgelisteten Autoren aber als weitestgehend durchgängig betrachtet werden – zur Bewältigung und Verbesserung eines Bedürfnisses haben Praktiker in ihrem Themengebiet allmählich für Innovation, Weiterentwicklung und oft auch der Etablierung neuer Wissenschaften gesorgt; ihre Erkenntnisse führten nicht selten zu Gründungen von Institutionen, insbesondere was den natur- und humanwissenschaftlichen Bereich anbelangt.  

Wissen und Praxis stehen in einem ständig gegenseitigen Beeinflussungverhältnisses zueinander; es ist eine gewisse Interdependenz zu beobachten. Dabei zirkuliert das hervorgegangene „praktische Wissen“ oft nur in bestimmten, eigenständigen Netzwerken – sich potential ergänzende Wissensgebiete bewegten sich so abseits voneinander und konnten nicht immer aus dem Wissensfundus  des jeweils anderen Feldes voll schöpfen (Hentschel bringt hier das Beispiel unterschiedlicher Fotografie-Praktiken an). Als Kontrastbegriff zum „praktischen Wissen“ wird oft theoretisches Wissen angeführt, es lassen sich aber auch Nuancen innerhalb „praktischen Wissens“ bilden wie lokales Wissen, traditionelles Wissen, intuitives Wissen,  Erfahrungswissen, Anwendungswissen etc.

Nach meiner Auffassung sind schließlich zwei verschiedene Arten von praktischem Wissen zu unterscheiden:

Als erstes praktisches Wissen in wortwörtlichen Sinne als unmittelbar hilfreiches Wissen zur allgemeinen Alltagsbewältigung. So ist es zum Beispiel sehr praktisch zu wissen, wann der letzte Bus fährt, um nicht die Nacht an der Haltestelle verbringen zu müssen. Solcherart praktisches Wissen ist nicht unbedingt notwendig, erleichtert den Alltag aber ungemein – als Beispiel sind hier die Rezeptbücher im Text von Leong zu nennen, wobei auch hier zu differenzieren ist, etwa wenn es um zur Gesundung unerlässliche Arzneirezepturen geht.  

Die zweite Art von praktischem Wissen umfasst durch Erfahrung angehäuftes Anwendungswissen zur Lösung eines spezifischen, oft berufsbedingten Problems, das ohne dieses Wissen nicht möglich wäre. Wissen dieser Art ist demnach meist notwendig, um Herausforderungen überhaupt, zufriedenstellend oder besser lösen zu können. Als Beispiel dient hier das Wissen des Kanonengießens, von welchem der Bau funktionsfähiger Geschütze und somit gar der Gewinn eines Krieges abhängig war. 

Der erste Typ von praktischem Wissen erleichtert also eine (Alltags)aufgabe, während der zweite Typ zur Bewältigung eines (spezifischen) Problems notwendige Voraussetzung ist.

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  • Autor: T.Z.
  • Fach: Geschichte
  • Stufe: Keine Angabe
  • Erstellt: 2015
  • Note:
  • Aktualisiert: 22.09.16

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