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Der Antrag Struve (Quelleninterpretation)

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Quelleninterpretation zu „Der Antrag Struve“

Aus: Dt. Geschichte in Quellen und Darstellung. Bd 7, Stuttgart 1997, S. 268-272.

Der  vorliegende Text „Der Antrag Struve“ vom radikaldemokratischen Revolutionär Gustav Struse (* 11. Oktober 1805 in München; † 21. August 1870 in Wien) über Freiheit, (Neu-) Ordnung  und Notwendigkeit in Zeiten der Märzrevolution liefert Vorschläge für ein vereintes, sozial gerechtes, „neues“ Deutschland in Form eines parlamentarisch eingebrachten und damit politischen Antrages vom 31. März 1848 vor dem so genannten „Vorparlament“ (Tagung vom 31. März bis zum 3. April in Frankfurt am Main) und seinen „Abgeordneten“.
Dabei wird sich inhaltlich offenkundig an den nordamerikanischen Bundesstaaten und ihren Errungenschaften (die Verfassung der Vereinigten Staaten vom 17. September 1787) orientiert; also die Absetzung der Monarchie zugunsten einer parlamentarisch-demokratischen Republik postuliert. Entnommen ist die vorliegende Quelle aus dem Band 7 der Reihe „Dt. Geschichte in Quellen und Darstellung“ (Stuttgart 1997, S. 268-272), richtet sich somit an ein fachinteressiertes Publikum und stammt direkt aus der Zeit, womit es eine primäre Quelle darstellt. Persönlich stellt sich für mich die Frage, ob die Märzrevolution nicht von Anfang an zum Scheitern verurteilt war.

Die Revolution im März 1848 entstand aus den wirtschaftlichen Problemen, aus den Hungerjahren seit 1845. Es fanden sich die unterschiedlichsten Gruppierungen mit den unterschiedlichsten Zielen für einen Moment zusammen, die unter den selben Worten teilweise etwas ganz anderes verstanden. Bspw. der Begriff der Pressefreiheit. Wir verstehen darunter „Wegfall der Zensur“, die Landbevölkerung des Jahres 1848 aber den Wegfall des Druckes durch die Feudallasten. Nach den Turbulenzen der Französischen Februarrevolution und ersten „Märzforderungen“ beschlossen Anfang April des Jahres 1848 die 574 Männer des Frankfurter Vorparlaments, Wahlen zu einer deutschen Nationalversammlung auszuschreiben und bis dahin alles Wichtige zu vertagen. Statt für den Umsturz und eine echte Republik votierten die Vorparlamentarier für den Marsch durch die Institutionen; der Antrag des Radikalen Badeners Struve, das Volk zu bewaffnen, Adel und Beamtentum abzuschaffen und die Fürsten abzusetzen, kam gar nicht erst zur Abstimmung; Heckers Vorschlag, das Parlament als dauerhaftes Revolutionsorgan zu konstituieren, wurde mit 368 gegen 148 Stimmen abgewiesen.
Grundsätzlich gab es in der Paulskirche neben etlichen und wechselnden Koalitionen 2 Strömungen: die Liberalen die sowas wie eine konstitutionelle Monarchie wollten, und die Demokraten, die eine demokratische Republik wollten. Auch gab es Fraktionen mit wechselnden Mehrheiten, so wie das in Parlamenten bis heute üblich ist.
Man war sich also keineswegs über das Ziel, geschweige den Weg dorthin einig.

Die Frankfurter Versammlung sagte zwar Ja zu Einheit und Freiheit, aber Nein zum Umsturz (und schon gar keine Umverteilung zwischen Arm und Reich!).

Wieso sich den Zweiflern im Vorparlament kaum jemand entgegenstellte und warum die Aufständischen nach ihrem Sieg in der Märzrevolution die Macht nicht an sich rissen - darüber rätseln die Historiker bis heute.

Zunächst wählten die Volksvertreter (der Nationalversammlung) eine provisorische Zentralregierung. Dann stritten sie über Grundsatzfragen. Als es darauf ankam, stellten sie Ruhe und Ordnung über alles. Im Sommer 1848 bereiteten Preußen und Österreich den großen Gegenschlag vor. Friedrich Wilhelm IV. Weigerte sich einfach, den vaterländischen Krieg gegen Dänemark fortzusetzen, obwohl die Nationalversammlung die Heimholung des von den Dänen besetzten Schleswig zur Reichssache erklärt hatte. Das Parlament nahm diesen Affront schließlich hin. Als daraufhin frustrierte Demonstranten am 18. September die Sitzung in der Paulskirche stürmen wollten, räumten preußische und österreichische Truppen (auf Befehl der Reichsregierung) den Vorplatz der Kirche.

Auf die Frankfurter Paulskirche konnten die Republikaner also nicht rechnen. Die Nationalversammlung sah im Druck von unten nur eine Bedrohung und machte damit einen schweren Fehler - die genialen Verfassungsväter erwiesen sich als miserable Machtpolitiker. Engels meinte später einmal, sie hätten mehr Angst vor der geringsten Volksbewegung als vor sämtlichen Komplotten sämtlicher deutscher Regierungen zusammengenommen gehabt.

Österreichs Kaiser Ferdinand I. ließ im Oktober mit Brachialgewalt in Wien für Ordnung sorgen. Friedrich Wilhelm IV. machte es dem Wiener Kollegen nach. Gemäß der Maxime „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten“ holte der Preußenkönig Truppen nach Berlin und verhängte den Belagerungszustand.

Als sei in Wien und Berlin nichts geschehen, debattierten die Frankfurter Abgeordneten den ganzen Winter darüber, ob sie nun den österreichischen Kaiser oder lieber den preußischen König zum Oberhaupt Deutschlands ausrufen sollten.

Erst nach der Absage Friedrich Wilhelms im April 1849, meines Erachtens nach viel zu spät, wurden die deutschen Paulskirchen-Parlamentarier rebellisch und wandten sich an das Volk – die sogenantnen „Maiaufstände“ zeugen davon, bis schließlich königliche Truppen am 23. Juli Rastatt einnehmen und die Revolution vollends beenden.

Während dieser zwei ereignisreichen Jahre 1848/49 stellt der „Antrag Struve“ eine wichtige Etappe auf dem Weg der vermeintlichen Umwälzung dar. Auch wenn er keine Mehrheit fand, so sind es doch die programmatischen Eckpunkte, die ihn so innovativ und möglicherweise richtungweisend in der späteren Sozialgesetzgebung machten.
Erstmals finden wir hier die Idee eines vereinigten Deutschlands gepaart mit sozialrevolutionären Aspekten der Freiheit und Gleichheit, wobei Schlüsselwörter wie „Heer“ und „Freiheit“ sowie „Aufhebung“, „Abschaffung“ und „Auflösung“ markant ins Auge fallen. So wurde neben der Aufhebung  behindernder Faktoren für die Wirtschaft (Wegfall von Binnenzöllen, Zehnten und anderen Abgaben, Vereinheitlichung der Maß- und Gewichtsregeln, etc), ebenso die Freiheit und Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz mit einhergehender einheitlicher Rechtsprechung durch öffentliche Schwurgerichte postuliert. Ferner wird eine Volksbewaffnung gefordert, die Trennung von Kirche und Staat, Bekämpfung der Armut mittels Versöhnung von Kapital und Arbeit, ein Recht auf Bildung und eine Reihe weiterer für damalige Verhältnisse höchst neoliberale Maßnahmen mit dem letztlichen Ziel der Hinwendung zu einer parlamentarisch-demokratischen Republik und Absetzung der erblichen Monarchie.

Der ganze revolutionäre Prozess (und damit auch der Antrag Struves) war meiner Meinung nach aus unterschiedlichen Gründen zum Scheitern verurteilt. Bspw. war die Französische Revolution immer noch als Negativbeispiel in den Köpfen präsent und die revolutionären Erneuerungen somit blockiert. Weiterhin fürchteten die Bürgerlichen eine Revolution und andere „Alternativen“ (Demokraten, Sozialisten, ...) waren noch nicht gefestigt genug, um in der Bevölkerung genügend Rückhalt zu haben, eine solche Umwälzung durch zu ziehen

Im Ergebnis zahlte sich die 48er Revolution vor allem für die Landbevölkerung aus - die gefallenen Feudallasten wurden nicht wieder eingeführt.
Auch die Liberalen konnten Teile ihrer Forderungen durchsetzen. Die Verlierer waren die Demokraten, Tod, langjährige Haftstrafen, Vermögensverlust, Flucht ins Ausland meist lebenslänglich. Die regierenden Fürsten opferten dem Bürgertum den Adel, insbesondere ihre 40 Jahre zuvor mediatisierten Standesgenossen.

Letztendlich bleibt der „Antrag Struve“ ein gut gemeinter Versuch rebellischer Adelskinder, die Deutsche mit der Sozialen Frage zu koalieren. Auch wenn dieser Versuch gescheitert ist, so finden wir viele inhaltliche Übereinstimmungen mit unserem heutigen Grundgesetz, weshalb man ihn zweifelsohne als eine Art Vorläufer deklarieren kann.

Kursinfo:

PEK  „Einführung in die Geschichtswissenschaft“

Lehrstuhl für Militärgeschichte

Frau A. Strauß

Universität Potsdam

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4.2 / 5 Sternen (5 Bewertungen)
  • Autor: Tom Zeddies
  • Fach: Geschichte
  • Stufe: 1. Semester (Uni)
  • Erstellt: 2008
  • Note: 2+
  • Aktualisiert: 23.06.16

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