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Von der Wissensgeschichte zur Wissenschaftsgeschichte

Inhaltsverzeichnis

LESETEXTE:

1) JakobVogel: Von der Wissenschafts-zur Wissensgeschichte. Für eineHistorisierung der„Wissensgesellschaft“,Geschichte und Gesellschaft30(2004),S. 639–660.

2)JürgenRenn: From the history of science to the history of knowledge–and back,Centaurus57(2015),S.37–53

AUFGABE:

Bitte bearbeitenSiediezwei Fragenin einer der beiden folgenden Optionen.

Option 1:Beantworten Sie die Fragen entweder für den Autor Vogel oder Renn;wiebisherauf zwei bis drei Seiten(einfacher Zeilenabstand, Schriftgröße nichtkleiner als 12pt).

Option 2:Beantworten SiedieFragen in systematisch vergleichender Perspektivefür diebeidenAutoren. In dieser Option sollte Ihr Text drei bis vier Seitenumfassen(einfacher Zeilenabstand, Schriftgröße nicht kleiner als 12pt); erzählt dann ‚doppelt’, also wie zwei Essays.

1.Wo spricht der Autor von praktischem Wissen oder vergleichbaren Begriffen? Inwelchen Aussagen oder Argumenten wird der Begriff verwendet, welchesVerständnis dieses Typs von Wissen wird daran erkennbar?In welcheBeziehungstellt der Autores zu einem wissenschaftlichen/ akademischen/ theoretischenWissen?

2.Was versteht der Autor unter Wissensgeschichte? Wie grenzt er sie vonWissenschaftsgeschichte ab?

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Option 2

Vorabbemerkung:
Die Struktur der Antwort gliedert sich wie folgt. Zunächst wird die Position Jürgen Renns dargestellt, ehe im Anschluss daran der Vergleich zu Jakob Vogel erfolgt.

Zu 1.)

Jürgen Renns Text “From the history of science to the history of knowledge – and back” entstand im Rahmen einer Rede, die er  2014 in Lissabon beim Empfang des Gustav Neuenschwander-Preis der Europäischen Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte hielt.

Bei der Betrachtung von Wissens- und Wissenschaftsgeschichte sticht immer wieder die wichtige Rolle des praktischen Wissens für den Fortgang des Menschen ins Auge.  Nach Renn herrscht unter vielen Wissenschaftshistorikern Einigkeit, dass man Wissenschaft nicht mehr länger von anderen Formen der kulturellen Praxis unterscheiden kann – bislang war jene meist Gegenstand der Kulturgeschichte oder Sozialanthropologie. 

Der Wechsel von der Wissenschaftsgeschichte hin zur Wissensgeschichte beinhaltet neben der akademischen Praxis auch die Produktion und Reproduktion von Wissen außerhalb des akademischen Umfelds, wie etwa die angewandte Praxis von Handwerkern, Künstlern und Familien samt Haushalt zeigen. Als konkretes Beispiel hierfür nennt Renn das von Künstlern, Ingenieuren, Physikern oder Alchemisten der Frühen Neuzeit getragene Fundament der Wissenschaftsrevolution. Erst die Entwicklung und Transformation dieses aus der Erfahrung erlangten praktischen Wissens aus beispielsweise den Bereichen der Ballistik und Metallurgie, ermöglichten Wissenschaftsgrößen wie Galilei die Hervorbringung großartiger Entdeckungen.

Wissen ist für den Autor chiffrierte Erfahrung. Basierend auf Erfahrungswissen wird es Individuen, Gruppen oder einer Gesellschaft erst ermöglicht, Probleme zu lösen. Teilweise stellt Renn auch das theoretische dem praktischen Wissen als Antonym gegenüber („different forms of knowledge –from practical to theoretical“, S. 41) und zählt das den Nährboden für vielerlei Wissen bereitende „lokale Wissen“ (local knowledge) letzterem zugehörig.

Während der Neolithischen Revolution spielen verschiedene Formen des praktischen Wissens eine große Rolle für den am Anfang seiner Entwicklung stehenden Menschen – von (Um)gestaltung der Landschaft nach seinen Bedürfnissen bis hin zu ersten Formen von Landwirtschaft. Die positiven Erfahrungen dieses Wissens und seines Nutzens führten schließlich zu einem unumkehrbaren Prozess der (Wissens)fortentwicklung des Menschen in nahezu allen Teilen der Welt.

Das Aufbewahren, Teilen und Vermitteln von anwendbarem, praktizierbarem Wissen als Teil der menschlichen „Wissensökonomie“ bedingte die Entstehung des Schriftwesens, dem anfangs vor allem administrative Funktion zuteilwurde und später als „Nebeneffekt“ eine strukturierte Bildung ermöglichte.

Renn stellt fest, dass - wie beim Beispiel der Mechanik zu beobachten -, manchmal Gerätschaften entwickelt und gebaut wurden, obwohl deren physikalischen Gesetzmäßigkeiten noch nicht festgehalten oder definiert wurden. So zeigt die Balkenwaage der Antike gewissermaßen, dass praktisches Wissen und seine Anwendung nicht zwingend theoretisch-akademisches Wissen voraussetzt – selbst wenn komplexe Geräte konstruiert werden sollen. Dafür bieten solche Erfindungen (später) Anlass, komplexe Theorien ihrer zugrundeliegenden Funktionalität aufzustellen.

Wissenschaftstheorien sind nach Renn immer auch symbolische Darstellungen einer komplexen Wissensarchitektur; eines Wissenssystems, das neben wissenschaftlichem auch andere Formen von Wissen umfasst – die historischen Wurzeln des Wissenschaftswissens liegen im praktischen, unmittelbaren, anwendungsorientierten Wissen, wie ja das Beispiel der Mechanik gezeigt hat.

Im Vergleich zum Text „Von der Wissenschafts- zur Wissensgeschichte. Für eine Historisierung der „Wissensgesellschaft“, Geschichte und Gesellschaft“ von Jakob Vogel fällt zunächst der scharfzüngige, bisweilen anklagende Duktus auf. Vogel wirft seinen akademischen Kollegen oft in polemischer Weise eine zu undifferenzierte Betrachtung von Wissen- und Wissenschaftsgeschichte vor; viele Autoren und unterschiedlichste Wissenschaftszweige müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, wichtige Entwicklungen und Auswirkungen des Wissens und der Wissenschaft nur ungenügend oder gar nicht abzuhandeln. Im Gegensatz zum Text von Renn, rezeptioniert Vogel  eine vielfach höhere Anzahl von Werken und Autoren und unterbreitet dabei Anregungen wie Vorschläge zu ausstehenden Forschungsfrage des entsprechenden Gebietes – entwickelt allerdings nur selten eigene Gedanken fernab des Fragenstellens. Viele seiner eigenen Bemerkungen zum praktischen Wissen müssen implizit „zwischen den Zeilen“ herausgelesen werden (s.u.).

Der These von einer heute anzutreffenden „Wissensgesellschaft“ widerspricht er weitestgehend, wenngleich er die starke Rolle von Wissen auf Gesellschaft und Kultur nicht unterschlägt. Man erhält den Eindruck, dass für Vogel praktisches und lokales Wissen Teil eines „nicht-wissenschaftlichen Wissens“ (S.642) seien, deren Bedeutung der Soziologe Nico Stehr jedoch (zu sehr) marginalisiere. Ebenso wie Renn scheint der Autor ein Antonym zum praktischen Wissen formuliert zu haben, nämlich das „wissenschaftliche und technologische“ Wissen im Gegensatz zu Renn, der ja stellenweise das theoretische Wissen dem praktischen gegenüberstellt.

Eine zentrale Rolle spielt laut Vogel bei der Betrachtung von praktischem Wissen jenes, das nicht verschriftlicht vorliegt und damit „einige Grenzen der Wissenschafts- und Technikgeschichte“ offenbaren. Den Historiker Otto Sibum weiter ins Feld führend, weist er auf dessen Forschungsarbeiten zu dieser Thematik hin, wonach praktisches Wissen beim Entstehungsprozess „wissenschaftlicher Tatsachen“ als wichtiger „Lieferant von Bausteinen“ wirkt. Ferner scheint es bei Vogel einen Unterschied zwischen praktischem Wissen und „wissenschaftlicher Praktik“ zu geben, die in eine „praktisch werdende Wissenschaft und Technik“ münde (Vgl. S. 649f) – dies könnte aber auch mit der von Vogel festgestellten „Pluralität von Wissenschafts- bzw. Wissensbegriffen“ zusammenhängen. Zumindest könne man nicht von einer bloßen Gegenüberstellung des wissenschaftlichen und des traditionell, praktischen Wissen als zwei konträre Gegenstücke ausgehen – so wie es einige Vertreter vom Modell der „Wissensgesellschaft“ tun und stellenweise auch im Text von Renn zu finden scheint.

Jakob Vogel konstatiert weiterhin die große Bedeutung von Wissenspraktikern  beim wirtschaftlichen Wandel von handwerklich-berufsständischen hin zu naturwissenschaftlich-technischen Wissen – es ist eine gewisse Koexistenz unterschiedlicher Wissenssysteme und –felder zu beobachten, wobei etablierte Wissenshierarchien auch umgeworfen werden können. Praktisches Wissen trägt wie schon bei Renn auch hier zur Veränderung und Entwicklung bestehender Wissensbestände bei.

Zu 2.)  

Jürgen Renn proklamiert, dass Wissenschaftsgeschichte auch immer im Hintergrund um die Wissensgeschichte zu verstehen sei, einschließlich neben theoretischem auch dem unmittelbaren, praktischen Wissen. Wissensgeschichte umfasst zudem weitergehend auch die Geschichte von Institutionen, wo Wissen hervorgebracht und übermittelt wird. Dies ist ein wichtiger, essentieller Aspekt, der bisher jedoch in der Betrachtung zur Kulturevolution/ Kulturentwicklung vernachlässigt worden ist. Um dem gebührend zu begegnen, ist das Konzept der „Evolutionsausdehnung“ (extended evolution) aufschlussreich, welches die Perspektiven von „Nischenkonstruktion“ (niche construction) und komplex-ordnenden Netzwerken einbezieht. Hierbei führt Renn vier Beispiele in seinem Aufsatz an: die Entstehung der Sprache, die Neolithische Revolution, die Erfindung des Schreibens und den Ursprung der Mechanik.

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Nach Renn haben sich selbst die klassischen Gegenstände der Wissenschaft wie Nachweis, Experimente, Fakten, Objektivität oder Rationalität in ihrer Natur als tief historisch herausgestellt. Diese Sichtweise eröffnete neue Perspektiven bei der Betrachtung von Wissenschaftsgeschichte, die nun mehr und mehr in eine Wissensgeschichte zu münden scheint.

Heute ermöglicht die erkenntnistheoretische Praxis (epistemic practices)  aus Gegenden außerhalb der westlichen Wissenschaftshemisphäre einen Hinzugewinn an detailliertem Wissen durch Austausch und Verbreitung desselbigen – Wissensmigration wurde so zu einem selbständigen Forschungsfeld ausgebaut. Allerdings kam es im  Zuge dieser Entwicklung nach Renn zu einer überflüssigen Ausdifferenzierung der Wissenschaften, die so oft ohne Bezug zueinander auftreten und in politischer Korrektheit den eigenen Einfluss (der westlichen Wissenschaft) auf die (Wissens)Geschichte marginalisieren.

Die Geschichte der Wissenschaft kann allgemein nur als globale, langfristige Geschichte des Wissens verstanden werden.  Sie umfasst immer auch die Entwicklung und Transformation von Wissen. Die materielle Kultur wird zu einem wesentlichen Faktor bei der Entwicklung und Herausbildung von Institutionen und Wissen - wie die Entstehung von Sprache aufzeigt.  Ein anderer großer Wendepunkt in der Wissensgeschichte markiert die Neolithische Revolution.

Mit der siebten Teilüberschrift „Wissensevolution als Rückgrat der Wissenschaftsgeschichte“ deutet Renn bereits  an, wie engzahnig die Entwicklung von Wissenschaft mit der von Wissen grundsätzlich verwoben ist – das oben ausgeführte Beispiel der Mechanik veranschaulicht dies eindrucksvoll.

Im Vergleich zum Text von Jakob Vogel fällt zunächst neben dem oben angesprochenen, stellenweise unsachlich wirkenden Duktus die Fokussierung Vogels eingangs auf die These der „Wissensgesellschaft“ als Merkmal der proklamierten Gegenwartsepoche  des „Informationszeitalters“ auf. Diese lehnt er  auch just als zu undifferenziert ab, da es weder eine klare Definition davon gäbe noch ein Alleinstellungsmerkmal als heutiges Phänomen ausmache und überdies  wichtige Aspekte wie die historische Wandelbarkeit der Wahrnehmung und Begriffsbestimmung der „Wissenschaft“ außer Acht lasse.

Darüber hinaus bemängelt Vogel die untergeordnete Rolle des Wissens innerhalb der Geschichtswissenschaft, vor allem bei den Neuzeithistorikern. Die klassische Bildungsgeschichte wie auch die Bürgertumsforschung lassen gewichtige Aspekte der Wissensgeschichte außer Acht, beispielsweise die soziale Dimension. Der Ansatz der Professionalisierungsforschung Lutz Raphales‘ dagegen trägt dem jedoch Rechnung – es gibt also bei Vogel durchaus Autoren, die von Kritik verschont bleiben, während dagegen im Text von Renne auf andere Autoren eher als Ergänzung verwiesen wird. Zudem fehlt auch der Wirtschaftsgeschichte an einer näheren Betrachtung der Wissensgeschichte, etwa wenn es um die ökonomische Bedeutung und Weitergabe von Wissen geht.

Neuere Entwicklungen in der Wissenschaftsgeschichte nehmen Abstand von der „modernisierungstheoretischen Orientierung“ der klassischen Wissenschaftsgeschichte und betonen vielmehr die soziale und kulturelle Bedingtheit des „wissenschaftlichen Wissens“. Wie auch bei Jürgen Renn, wird hier eine grundsätzliche Bedeutung von „außerwissenschaftlichen Faktoren“ (gemeint ist wohl praktisches Wissen)  für dieses „wissenschaftliche Wissen“ zugestanden. Außerhalb dieser Wissensordnung fernab der etablierten Wissenschaftsdisziplin liegende Felder geraten allerdings kaum in den Fokus, sodass damit die Grenze der Wissenschaftsgeschichte markiert wird.

Den Ausgangspunkt zur Wissensgeschichte stellt bei Vogel zuallererst die Erkenntnis der gesellschaftlichen Konstruktion von Wissen dar. Er fragt, wie sich aus dieser Wissensordnung in der Frühen Neuzeit das moderne wissenschaftliche Wissen herausbilden konnte und zeigt dieses beispielhaft am Aufstieg des Bergbaus auf – ein Aspekt, der bei Jürgen Renn völlig fehlt. Dieser den genannte Prozess kann als  „Verwissenschaftlichung“  umschrieben werden, ohne dabei grundlegend eine „Zielrichtung“ zu verfolgen, da sich der Wandel der gesellschaftlichen Wissensordnung als ein komplexes System sowohl einer „Verwissenschaftlichung“ als auch „Entwissenschaftlichung“ erweist.

Schließlich fällt bei dem Vergleich beider Texte auf, dass beide Autoren den Einfluss der „westlichen Gesellschaft“ auf die Entwicklung von Wissen untersuchen. Vogel zufolge kristallisierte sich schon in der Frühaufklärung Europas der Gedanke einer parallelen Entwicklung von gesellschaftlichem und wissenschaftlichem Fortschritt heraus, die sich als (Irr)glaube besonders „segenreicher Errungenschaft“ darzustellen versuchte. Hier könnte man eventuell eine Differenz zum Text von Renn sehen, der ja indirekt von falscher Bescheidenheit bezüglich der abendländischen Hervorbringnisse spricht.

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  • Autor: T.Z.
  • Fach: Geschichte
  • Stufe: Keine Angabe
  • Erstellt: 2015
  • Note:
  • Aktualisiert: 21.09.16

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