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Kurt Tucholskys Pazifismus (Essay)

Inhaltsverzeichnis

Ein Essay über Kurt Tucholsky als Pazifisten

Was macht das Thema „Tucholsky als Pazifist“ eigentlich so interessant? Dafür gibt es einige Gründe! Erstens war es zu der Zeit in der Tucholsky lebte, sehr mutig eine negative Meinung über das Militär und Politik zu vertreten. Zweitens ist Pazifismus ein Thema, dass auch heute noch heftig diskutiert wird. Gerade in Krisenzeiten werden Tucholskys Anti- Kriegs- Aussagen oft zitiert. Ausserdem ist es doch sehr erstaunlich, dass uns Gedichte und Ansichten Kurt Tucholskys heute noch so sehr beschäftigen. Was aber genau waren seine Ansichten? Seine Lebenseinstellung mit dem Wort „Pazifismus“ zu beschreiben, ist zu einfach und ungenau.

Tucholsky war überzeugt, dass der Krieg nur der Wirtschaft diene.Er fand diesen Grund zu primitiv,um das, wie er es nannte, überwachte und tolerierte Sterben zu rechtfertigen. Ob es seiner Meinung nach überhaupt einen „vernünftigen“ Grund für einen Krieg geben kann, ist fraglich, denn er vertrat den Standpunkt, dass es nichts gab, das das Morden erlaubte. Er stützte diese Ansicht auch auf den Exhortatio von Benedikt XV, dieser besagte: „der Krieg ist eine grauenhafte Schlächterei und ein entehrendes Gemetzel¹“. Tucholsky forderte deshalb die pazifistische Aufklärung der Masse, denn zu seiner Zeit, konnte keine Zeitung Kriegsgegnerische Äußerungen drucken, ohne dafür bestraft zu werden. Daher hatten die einfachen Bürger nicht die Möglichkeit sich mit Pro- und Kontra- Argumenten auseinander- zusetzen.Ein anderer, wichtiger Kritikpunkt Tucholskys war, dass er meinte, man könne Mord nicht durch die Berufung rechtfertigen. Seine Aussage: „...Mord bleibt Mord, auch wenn man sich vorher andere Kleider anzieht...²“belegt diese These.

Um zu verstehen, wie er gefühlt und gedacht hat, muss man sich zunächst die Kindheit Tucholskys ansehen. Kurt Tucholsky wurde am 9.1.1890 in Berlin geboren. Die Frage, ob seine spätere politische Einstellung von seinen Eltern beeinflusst worden ist, konnte bis heute nicht eindeutig beantwortet werden. Sein Biograf Michael Hepp³ behauptete, dass sein Vater Alex Tucholsky ihn in seiner Meinung beeinflusst habe. Dieser bezeichnete den Krieg als überwachtes unt toleriertes Sterben. Tucholsky selbst sagte dagegen: „Ich kann mich nicht besinnen, dass er [sein Vater] mit mir viel über Politik, über Krieg und Frieden gesprochen hat... eine starke Einwirkung ist mir nicht im Gedächtnis geblieben.“ Eindeutig ist nur, dass Kurt Tucholskys Einstellung zum Krieg der seines Vaters glich.
In der Schule, die er ab 1896 in Stettin besuchte wurde er patriotisch- preussisch erzogen.
Das Vaterland und der Heldentod galten als höchstes Gut. Von da an war er zwischen der liberal-humanistischen Erziehung zu Hause und dem Patriotismus der Schule hin- und hergerissen. Als er jung war, teilte er zeitweise diesen Patriotismus. Das verdeutlicht, dass Tucholsky in seinem Leben teilweise sehr unsicher und in seiner Meinung oft zwiegespalten war.
Das Ereignis, dass ihn in Hinsicht auf Militär und Politik am Meisten beeinflusst hat, war zweifelsohne der 1. Weltkrieg.

1) zu finden auf: http://userpage.fu-berlin.de/~komitee/tuchol.htm
2) zu finden auf: http://www.uni-müenster.de/PeaCon/wuf/wf-96/9640211m.htm
3) Biografie: Hepp, Michael: Kurt Tucholsky. Rowolt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1998
4) Zitat von Kurt Tucholsky aus:
von Soldenhoff, Richard: Kurt Tucholsky: 1890- 1935; ein Lebensbild; „Erlebnis und
Schreiben waren ja- wie immer- zweierlei“. Quadriga Verlag, Weinheim und Basel, 1994
Seite 12
5) Nachzulesen in:
Hepp, Michael: Kurt Tucholsky. Rowolt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg,
1998, Seite 13

Tucholsky wurde im April 1915 als Armierungssoldat ins Memelgebiet, also direkt an die Front geschickt. Er war militärsch unausgebildet und hatte zudem große Schwierigkeiten, sich unterzuordnen. Diese Zeit veränderte ihn sehr, denn er hatte schlechte Erfahrungen gemacht. Er hatte sich zwar erfolgreich davor drücken können, jemanden zu erschießen, da er sich einen Posten in der Schreibstube sichern konnte, trotzdem stimmte ihn die Tatsache, am Krieg beteiligt zu sein, zusehends depressiver. Hinzu kam, dass Tucholsky sich in einer Uniform nach eigenen Angaben „...wie ein beleidigter Clown...¹“ fühlte. Er hatte ausserdem mehrfach erklärt, dass er zum Helden oder Märtyrer nicht geboren war. Damit machte er es sich in den Augen seiner Kritiker zu leicht, schließlich hatten die meisten anderen Soldaten nicht das „Glück“ einen Posten in der Schreibstube zu bekommen.


Tucholsky kritisierte das Verhalten der Offiziere stark. Er hatte im Krieg erlebt, dass diese ihnen unterstellte Soldaten schlecht behandelten. Er beschrieb, dass ein Feldwebel wie ein Gott behandelt wurde und ein einfacher Soldat dagegen bloß Menschenmaterial war. Zu dieser Ansicht trug bei, dass Tucholsky ebenfalls zum Offizier behoben wurde und dabei auch Erfahrung mit der eigenen Verführbarkeit gemacht hatte. Er beanspruchte in dieser Zeit Rechte für sich, die andere Soldaten nicht hatten und behandelte diese mit der typischen „Offiziersarroganz“. Später äußerte er sich über sein Verhalten wie folgt: „...dessen schäme ich mich...²“. Es ängstigte ihn, dass er, obwohl er längst erkannt hatte, wie schnell die Gruppendynamik in der Armee die Menschen in ihren Bann zog, sich zu solch einem Verhalten hatte hinreißen lassen.

Das größte Problem, dass Tucholsky mit dem Militär hatte, war wohl die nicht vorhandene Entscheidungsfreiheit. Seiner Meinung nach war es unverantwortlich, dass Deserteure von Gendarmen niedergeschossen wurde, weil sie sich weigerten Menschen zu ermorden. Manche Soldaten mussten sich sogar auf Befehl opfern, was Tucholsky in seiner Meinung, Soldaten seinen nur „Menschenmaterial“, bestärkte.
Ein weiterer Grund das Militär zu kritisieren, war für ihn, dass die von den Deutschen so hoch gelobten Tugenden wie Sparsamkeit und Unbestechlichkeit nicht beachtet wurden. Es wurde unterschlagen, geschoben und gelogen und die Korruption war allgegenwärtig. Dieses wurde von Tucholsky immer wieder bemängelt.
Das Ansehen Deutschlands wurde von Zeit zu Zeit immer schlechter. Die Brutalität, mit der die deutsche Armee im 1. Weltkrieg vorging, hatte sich schnell rumgesprochen. Obwohl Tucholsky sich oft kritsch über den allgemein herrschenden“Hurra-Patriotismus“ der Deutschen geäußert hatte, liebte auch er sein Land. Deshalb störte ihn das sich zusehends verschlechternde Ansehn Deutschlands ebenfalls sehr.

Tucholskys ließ keine Gelegenheit aus, das Militär mit allen Mitteln anzugreifen. Er schrieb viele satirische Gedichte in denen er seine Argument gegen den Zwangs- Kriegsdienst (zB.: Krieg dem Kriege/ Vision) und später auch gegen die Politik der Nazis (zB.: Das Dritte Reich/ Joebbels) kund tat. Er wollte mithilfe seiner sehr „bissigen“ Texte die Menschen zum nachdenken bringen. Gerade in der Zeit des Nationalsozialismus war es für einen Schriftsteller gefährlich, sich in so satirischer und sarkastischer Weise mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Es ist also kein Wunder, dass auch Tucholskys Werke bei der Bücherverbrennung der Nazis am 12.05.1933 mit den Worten: „Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem deutschen Volksgeist¹“ verbrannt wurden.

Seine „Kampfmittel“ waren aber nicht nur die Gedichte, sondern vielmehr auch Artikel, die in der Zeitung „Die Weltbühne“ erschienen. Herausgeber der Weltbühne war Carl von Ossietzky, der ein guter Freund Tucholskys war. Tucholsky war Mitbegründer dieser Zeitung und schrieb seit 1918, wenn auch unter Verwendung von Pseudonymen, die meisten Artikel.
Viele dieser Artikel lösten bei seinen Kritikern empörung aus, unteranderem der Artikel „Dänische Felder“. In diesem heißt es: „Möge das Gas in die Spielstuben unserer Kinder schleichen. Mögen sie langsam umsinken, die Püppchen...“². Wenn man Tucholskys besondere Art, mit seinen Provokationen die Menschen zum Nachdenken anzuregen, kennt, weiß man, dass dieser Artikel natürlich ironisch gemeint ist. Trotzdem gaben sich damals die Nazis große Mühe, die Intention Tucholskys böswillig misszuverstehen und behaupteten, Tucholsky wünsche unschuldigen Kindern den Gastod. Diese Behauptung ist völlig absurd. Tucholsky wollte mit seiner überspitzten Darstellung wahrscheinlich beweisen, dass die Gleichgültigkeit mancher Menschen den Weg für einen Krieg ebnet.


Es gab aber einen Artikel, der Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky in noch viel größere Schwierigkeiten brachte. Es war der Artikel „Der bewachte Kriegsschauplatz“ in dem Tucholsky schrieb: „Da gab es 4 Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war.
Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder!³“ Es war nicht seine Absicht gewesen, Soldaten zu beleidigen, er meinte vielmehr, dass Krieg Mord sei. Er formulierte diese Aussage deshalb so spitz, weil er sich dadurch mehr Aufmerksamkeit auf das“Problem“ Krieg erhoffte. Trotzdem wurde Carl von Ossietzky festgenommen, da er Herausgeber der Zeitung war. Tucholsky lebte zu dieser Zeit im Ausland und konnte daher von der deutschen Justiz nicht belangt werden. Carl von Ossietzky wurde wegen Beleidigung der Reichswehr im April 1932 angeklagt und vor Gericht gestellt. Nach einigen Verhandlungen wurde er freigesprochen. Er wurde 1933 mit der Begründung freigesprochen, dass mit dem Wort“Soldaten“ keine Einzelperson gemeint war, sondern eine Gesamtheit angesprochen wurde. Es lag in den Augen des Gerichtes keine bestimmbare Beleidigung vor. Die zahlreichen Revisionsanträge der Staatsanwaltschaft scheiterten immer wieder an dieser Begründung. Carl von Ossietzky wurde dafür nicht verurteilt.
Der oben schon genannte Satz „Soldaten sind Mörder“ löste aber gerade in jüngster Zeit immer wieder neue Diskussionen um das damals gefällte Urteil aus. Wehrdienstverweigerer benutzten Tucholskys Satz immer wieder als Verteidigung ihrer Ansichten vor Gericht.

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1) Kindlers Neues Literaturlexikon, Kindler Verlag. München, 1997
2) nachzulesen in:
Die Weltbühne, 1927, Nr.30, S.152
3) Artikel von Ignaz Wrobel (alias K. Tucholsky) nachzulesen in:
Die Weltbühne, vom 4.8.1931, Nr.13
Um zu begreifen, welches juristische Problem sich bei solchen oder anderen Gerichtsverfahren, welche einen Zusammenhang zwischen Tucholskys Satz“Soldaten sind Mörder“ und dem jeweiligen Fall beinhalten, ist es hilfreich, den folgenden Sachverhalt zu verdeutlichen.
Im Jahr 1991 hat ein anerkannter Sozialpädagoge und Kriegsdienstverweigerer an seinem Fahrzeug ein Aufkleber mit der Aufschrift“Soldaten sin Mörder“ angebracht. Unter diesem Satz befindet sich die nachgeschriebene Unterschrift“Kurt Tucholsky“.

Dieser Mann wurde wegen Volksverhetzung angezeigt und zu einer Geldstrafe verurteilt. Das Urteil wurde wie folgt begründet¹: Mit dem Satz“Soldaten sin Mörder“ wurde die Menschenwürde anderer angegriffen. Er bezeichnete Bundeswehrsoldaten als Schwerstkriminelle und stellt sie damit auf die niedrigste soziale Stufe. Es wurde nicht berücksichtigt, dass dieser Satz von Kurt Tucholsky stammt. Diese wurde damit begründet, dass ein“durchschnittlicher Bürger“ den Zusammenhang nicht sehen würde und somit nur die Beleidigung in diesem Satz sehen würde. Es wurde auch nicht berücksichtigt, dass C.V. Ossietzky damals freigesprochen wurde, da sich das Gesetz in dieser Hinsicht im Jahre 1960 geändert hat. Es handle sich also nicht um eine straflose Kollektivbeleidigung, wie von dem Reichsgericht im Jahre 1933 festgelegt, weil ersichtlich auch die Bundeswehrsoldaten gemeint gewesen seien. Auch der Berufung auf die im Grundgesetz verankerte Meinungsfreiheit könne nicht stattgegeben werden, da dasRecht auf Meinungsfreiheit nicht immer vorbehaltlos gewährleistet ist. Diese Schranken gelten laut Erklärungen des Bundesverfassungsgerichtes, wenn es um das Recht der persönlichen Ehre geht.

Es ist also falsch, wenn Wehrdienstverweigerer hoffen, dass sie wenn sie Tucholsky zitieren, nicht belangt werden können. Dies beruht vor allem auf der Begründung, dass sich die Gestzeslage seit 1960 geändert hat. In dem oben dargelegten Fall, ging diese Klage bis zum Bundesverfassungsgericht, welches Deutschlands höchstes Rechtssprechungsorgen ist. Das ist bei Prozessen in heutiger Zeit keine Seltenheit mehr. Trotzdem konnte die Frage, ob der Satz“Soldaten sind Mörder“ nun eine Verletzung der Menschenwürde darstellt, nie eindeutig beantwortet werden.

1) Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1992 –BvR 1423/92-

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  • Autor: Nicht angegeben
  • Fach: Politik
  • Stufe: 12. Klasse
  • Erstellt: 2009
  • Note: 1
  • Aktualisiert: 09.12.16

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